Camping und Vanlife sieht auf Insta immer so wundervoll aus. Perfekt ausgebaute Vans, Boho-Feeling, alle arbeiten mit und leben von Social-Media-Jobs, mittags wird kurz mal gesurft und dann geht’s mit Power Food weiter.
Das alles läuft über meinen Smartphone-Screen, während ich auf meinem wackeligen Klappstuhl in der Dämmerung sitze, mir einen Löffel halbwarmer Ravioli (Gas war leer) in den Mund schiebe und eine Mücke mir den letzten Rest Eisen aus dem Knöchel saugt.
Weil ich immer noch finde, dass zu wenig authentisch über Van-Life geschrieben wird, habe ich ein paar kleine Aspekte zusammengestellt, warum ich das vermeintliche „simple Life“ manchmal einfach nur verfluche – und ihm dann doch wieder verfalle.
Natur und Temperatur (-Unterschiede)
Das Beste am Vanlife ist einfach, dass man automatisch mehr draußen ist. Das bemerke ich immer die ersten Tage, wenn ich von der ganzen frischen Luft einfach nur müde bin.
Der Körper passt sich total schnell dem Rythmus der Natur an, ich würde im Traum nicht auf die Idee kommen, vorm ersten Licht aus dem Van zu kriechen und bin pünktlich mit Sonnenuntergang das erste Mal am Gähnen.
Allerdings heißt „nah an der Natur“ eben auch, dass man nicht nur nah an netten, angenehmen Temperaturen sein kann …
In kleineren, eher schlecht als recht isolierten Vans wie meinem merkt man jedes Grad – und sollte es mal eine Woche durchregnen, wird alles kalt und klamm – ein stinkender, halb nasser Wetsuit im Van ist wirklich der Endgegner.
Time goes by …
Auch das mag mit der Größe des Autos variieren, aber gefühlt dauert alles länger. Mal eben kurz unter die Dusche? Abwaschen?
Selbst wenn man nicht auf einem Camping-Platz steht und dafür erst hin und her laufen muss, die Abläufe sind einfach andere und brauchen entsprechend mehr Zeit und Aufmerksamkeit.
Und dann bleibt man irgendwie hängen, weil man irgendwen trifft, mit dem man mal kurz die Lebensgeschichte austauscht.
Gleichzeitig ist das natürlich das, was ich so schätze: Rauskommen aus dem üblichen Abläufen, langsamer machen, eines nach dem anderen. Der Fokus ist ein anderer, anstatt 12 Tabs gleichzeitig offen, konzentriert man sich auf eine (meist analoge) Aktion.
Die Tage sind unglaublich intensiv, man nimmt einfach mehr wahr.
Was riecht hier so …?
Dazu sage ich nur soviel: Es ist nicht wie zuhause, wo man überall gerade mal eine Waschmaschine anstellen kann. Waschen ist im Vanlife ein Halbtags-Job, wenn man die Suche nach einer passenden Wäscherei (und das Warten) einrechnet, sogar noch länger.
Gleichzeitig fällt mir immer wieder auf, wie befreiend es ist, wenn ich ohne Probleme (und vor allem ohne ein riechendes Problem für andere darzustellen) wochenlang mit dem gleichen Klamotten rumlaufen kann. Es ist unglaublich, wie wenig man doch eigentlich braucht!
Vanlife vs. arbeiten
Ja, ich weiß, es gibt mittlerweile ganz viele wundervolle Möglichkeiten, den Van auszustatten, und so weiter. Remote arbeiten eigentlich absolut kein Problem.
Trotzdem veriert man sich früher oder später in einem zu kleinen Ort und ehe man sich versieht, steht man auf der verzweifelten Suche nach Empfang wie eine Außerirdische auf einem Berg und hält das Smartphone hoch.
Oder der Laptop oder irgendwelche wichtigen Kabel machen in the Middle of Nowhere die Biege, und glaub nicht, dass dann irgendwo ein PC Spezialist geschweige denn amazon in der Nähe sind.
Es geht, aber die Herausforderungen sind nunmal andere, als im warmen Office mit Kaffee-Vollautomaten und IT-Ticketing à la „einmal ein- und wieder auschalten schon versucht?“.
Gleichzeitig schätze ich es absolut, dass ich an den wildesten Orten arbeiten kann. Die Inspiration ist einfach eine andere – und die Work-Life-Balance lässt sich viel besser umsetzen, weil man ja oft mitten in der Natur steht.
Über die Zeit hat sich für mich persönlich allerdings herauskristallisiert, dass ich es zwar schätze, im Van arbeiten zu können. Trotzdem geht für mich dabei zu viel von dem, worum es mir eigentlich geht, verloren: Langsamer machen, genauer Hinschauen, sich Zeit nehmen für Natur, Gespräche und Bewegung. Spontane Ortswechsel.
Vanlife und arbeiten geht zusammen, aber ich habe für mich persönlich noch nicht die optimale Lösung gefunden, das Tempo der Arbeitswelt an das Leben in einem kleinen Bus anzupassen. Noch lasse ich mich zu schnell ablenken (vor allem von Surf-Forecasts haha).
Vielleicht kommt die Zeit noch, wir werden sehen.
Mach mal Platz
Alteeeeeeer wiiiiiiiieeeee kann es sein, dass das jetzt schon wieder nicht dort ist, wo es sein sollte?!
Was habe ich mich schon aufgeregt. Liegt auch daran, dass ich vielleicht nicht immer die organisierteste Person bin, aber auch daran, dass ich von Winter- bis Sommerklamotten über Surf-Equipment und Arbeitsmaterial alles dabei haben muss. Oder – will.
Sogar ein Monitor und eine ergonomische Tastatur fahren mit! Ich finde es super, zum Minimalismus gezwungen zu werden (das größte Teil im Van ist mein Surfboard) – aber manchmal ist es auch einfach wirklich anstrengend, so krass Ordnung auf so kleinem Raum zu halten.
Da gibt es nur eine einzige rational sinnvolle Lösung: Es muss wohl irgendwann ein größerer Van her … 😉
Das perfekte Camping-Dinner
Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sage (denn ich koche wirklich überhaupt nicht gerne), aber ich habe mich beim Wechsel vom Van ins Airbnb (oder überhaupt in eine Wohnung) besonders darauf gefreut, dass mir wieder eine richtig große, ausgestattete Küche zur Verfüfung steht.
Ansonsten waren meine Mahlzeiten schon mal sehr abhängig von Windstärke, Temperaturen, Sonnenuntergang oder den Launen meines Gaskochers, bei dem mittlerweile eine der zwei Platten aufgegeben hat.
Gleichzeitig gilt auch hier: Es braucht nicht viel Raum, um sich etwas leckeres zu kochen.
Money, money, money
Vanlife wird ja oft als günstige Alternative zu anderen Reiseformen angepriesen. Man braucht ja nicht viel. Und ich will gar nicht bestreiten: Wenn man monatelang günstig auf einer Wiese stehen kann, man nicht viel rumfährt und der Van gut ausgestattet ist, fährt man mit Vanlife auf jeden Fall günstig.
Aber ich glaube, es geht einfach um etwas ganz anderes: Vanlife ist eine Entscheidung für einen anderen Lebensstil – dass es güstiger sein kann, ist vielleicht ein netter Nebeneffekt (den ich persönlich nicht in den Mittelpunkt stellen würde).
Mein Vanlife sieht meist so aus: Erstmal muss man ja überhaupt irgendwo hinkommen. Bei mir hieß das meist, eher Richtung Nachbarländer oder darüber hinaus.
Das Kostet Zeit, Maut (!), und Benzin. Das Auto muss gewartet werden oder hat vielleicht auch mal eine Panne (oder auch mal öfter).
Meist stehe ich auf Campingplätzen mit Strom, auch weil man nunmal nicht überall einfach so campen darf und weil ich arbeiten muss, etwas Infrastruktur brauche und mich meist sicherer fühle.
Dann fällt die Lampe aus, dann ist das Gas für den Kocher verbraucht, achso, ja, und Lebensmittel wären auf Dauer auch nicht schlecht. Ganz vielleicht muss man auch mal im Ausland zum Arzt und upsi, das muss privat vorgestreckt werden.
Oh und dann regnet es durch und alles ist klamm und irgendwie braucht man mal eine Woche eine normale Unterkunft, damit einem nicht das gesamte Hab und Gut vor der Nase wegschimmelt (ich trauere noch immer um einen Backpack).
Soll nicht heißen, dass Vanlife nicht auch in günstig funktioniert – aber die Frage ist immer, wozu man das ganze in Relation setzt.
Die Kreditkarte ist also besser ready – so wie im normalen Leben eben auch.
Road-Trippin‘
Es gibt für mich manchmal nichts Schöneres, als im Auto zu sitzen und etwas rumzufahren. Mit „rumfahren“ meine ich: Stressfrei auf einer Landstraße dahinzugondeln und Google Maps blind zu vertrauen.
Was mir voher niemand erzählte: Man fährt auch mal Autobahn, weil man ankommen will oder muss, man passiert unnormal stressige Städte wie Paris (Herzattacke), Google Maps kann einen ganz schön hinters Licht führen was die Befahrbarkeit von Straßen angeht.
Manchmal fühlen sich die Strecken unendlich lang an, das Wetter ist scheiße, das Fahren anstrengend, alle Playlisten nerven und generell stellt man kurz das Ganze Leben infrage.
Diesen Teil habe ich anfangs doch auch unterschätzt. Mittlerweile weiß ich genau, wie lange ich fahren kann, wie viele Stopps ich brauche – und doch strengt es mich an manchen Tagen mehr an, als mir lieb wäre.
Gleichzeitig bin ich frei und unglaublich flexibel. Das Wetter ist Mist? Der Ort nicht so nett? Die Wellen nicht gut? Dann fahre ich weiter. Ich habe ja immer und überall meine Wohnung dabei.
Alles wird sich ändern
Vanlife heißt: Kein Tag ist wie der andere. „Alles ändert sich immer“ ist in diesem Lebensstil viel näher, viel realistischer. Orte ändern sich, und mit ihnen die Menschen, Infrastrukturen, und Sprachen. Gerüche, Lautstärke, Einflüsse. Das Wetter. Die Wellen des Ozeans funktionieren zusätzlich überall nach ihren ganz eigenen Regeln, und ich hoffe, dass wir das Mysterium niemals gänzlich erschließen, denn das ist Teil des Zaubers.
Veränderungen habe ich – und das finde ich das Schöne – aber nicht nur im Alltag oder bei Ortswechseln wahr- und -angenommen. Zum Beispiel habe ich den Jahreszeitenwechsel einerseits sehr stark über das Wetter – aber noch viel stärker über das Licht bemerkt. Es hat sich viel krasser auf meinen Tagesrythmus ausgewirkt.
Auf einmal konnte ich morgens schon früher im Hellen aus dem Van kriechen, die Temperaturen zum Surfen waren auch morgens schon überlebbar, und auf einmal musste ich nicht bis halb 6 abends gekocht haben, bevor es dunkel wurde und mir die Finger abfroren. Es sind diese kleinen und großen, lang- und kurzfristigen Veränderungen, an denen ich das Leben erst so richtig spüre.
Gleichzeitig ist viel der Veränderung natürlich hausgemacht: Ich will ja den Ort wechseln, Neues entdecken, und surfen will ich natürlich unbedingt auch.
Deshalb bin ich gezwungen, flexibler zu sein als beispielsweise in Deutschland, mit einer festen Wohnung und einem Büro.
Manchmal hat mich das wirklich an meine Grenzen getrieben und ich dachte „es reicht“. Rückblickend ist das Interessante: Dadurch haben sich manche Grenzen auch verschoben.
Für mich persönlich bleiben kleine Routine-Inseln unerlässlich. Meist ist das Verlässlichste der morgendliche Kaffee. Alles andere kann ich ein bisschen planen, aber häufig bleibt Planung eine Illusion und wird vom echten Leben zum Frühstück weg-gesnackt.
Wer aufgepasst hat: Es waren nur neun Dinge 😉
Enjoy
Tina




