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Flow.

„Hach, findest du nicht auch, dass auf Reisen immer alles so im Flow ist?“

Meine Mitbewohnerin strahlt mich erwartungsvoll von der Seite an, während ich meine Möhren unter der Spüle wasche und an nichts denke.

Wir haben uns in dem Co-Living an der Algarve kennengelernt, in dem ich seit kurzem eingebucht bin – wie eine große Reisenden-WG, nur mit zusätzlichem Co-Working Space.

Hier gefällt es mir gut und ich fühle mich wohl, in den Unterkünften in den Wochen davor war das eher nicht so. Mal abgesehen vom Campingplatz, auf dem ich die erste Woche verbrachte und wo ich mich durch Nächte kämpfte, in denen die Temperaturen nachts auf um die 5 Grad fielen.

Ich gucke sie an, zögerlich setze ich zu einer Antwort an, aber aus meinem Mund will keine richtige Antwort kommen. Ich fühle mich beklemmt.

Dann denke ich „was soll’s“, und suche doch nach Worten, die meine Meinung dazu in dem Moment am ehesten beschreiben würden.

„Hm, ja, grundsätzlich finde ich schon, dass sich auf Reisen immer sehr viele glückliche Zufälle ergeben. Im Moment habe ich allerdings nicht unbedingt das Gefühl, so besonders im Flow zu sein, weil mir meine Reise irgendwie eher beschwerlich vorkommt.“

Kurz bin ich mir unsicher, ob ich zu ehrlich geantwortet habe. Aber die Ehrlichkeit entpuppt sich als Opener für ein sehr tiefgründiges Gespräch.

Wir reden übe die Suche auf Reisen, das ständige in sich reinhören, auf sich hören, Entscheidungen treffen, organisieren, Unvorhergesehenes einordnen, Probleme lösen, und so weiter.

Wir sind uns einig, dass es schön ist, aber nicht immer nur einfach und alles flowt.

Schließlich erzähle ich ihr, dass ich die Unterkunft, in der wir zusammen wohnen, nur durch einen Zufall gefunden habe. In einem Moment, in dem ich kurz vorm Aufgeben war.

„Ich konnte es selbst kaum glauben, als ich im anderen Hostel saß, total fertig, und dann das Inserat auf Facebook entdeckt habe“, beschreibe ich die Situation, in der ich mich noch vor ein paar Tagen befand.

Und wer sich jetzt Fragen stellt: Es funktioniert wirklich noch unglaublich viel auf Facebook, besonders, was kleinere Orte angeht. Aber für diese bahnbrechende Erkenntnis muss man wohl nicht extra bis nach Portugal fahren.

Meine Mitbewohnerin hört sich die Geschichte an und schlussfolgert: „Naja, also ist es ja jetzt doch irgendwie im Flow!“

Das stimmt mich nachdenklich, denn sie hat Recht.

Vielleicht ist es nicht der „Flow“, den man im Kopf hat, wenn man an den gleichnamigen „Flow-Zustand“ denkt (und mit dem Zustand kann meine Reise auch wirklich nicht verglichen werden).

Mit Flow in Bezug auf die Reise ist wahrscheinlich eher die Erwartung gemeint, dass alles „fließend“ funktioniert, dass sich Dinge immer fügen und so ergeben, sodass man hinterher sagt „Wow, wie gut, dass ich das damals so und so gemacht habe, sonst hätte ich diese und jene Person, die so wichtig für die Reise wurde, niemals getroffen …!“

Aber dass alles immer wie durch Zauberhand fließt, ist natürlich absoluter Quatsch. Das passiert, wenn überhaupt, in einem gut geschnittenen Instagram-Video.

Enjoy the ride

Eine Reise ist niemals gradlinig.

Sie läuft mit Ups und Downs, mal funktionieren Dinge, mal nicht so richtig, und mal auch überhaupt nicht. Besonders vorher aufgebaute Erwartungen können einem da gehörig einen Strich durch die Rechnung machen.

Mal ist das dringend benötigte Bauchgefühl nicht da, mal trifft man komische Entscheidungen und dann kommt Frust auf, denn der Bus kommt nicht (wusste schon Peter Fox).

Mal bekommt man nicht das, was man wollte, und ist total gestresst, dann bekommt man dafür aber was anderes, was sich dann als viel besser entpuppt als das, was man vorhatte, und hinterher sieht das natürlich wie Flow aus.

Aber ich denke trotzdem, dass an dem Gedanken, es einfach mal fließen zu lassen, schon etwas dran ist. Man muss nur in der Lage sein, den Flow zu sehen und vor allem, ihn auch zuzulassen.

Spoiler: Das kann ich nicht gut. Wie oft stand ich mir selbst im Weg, weil ich nicht alles kontrollieren konnte, und verfiel in Panik. Wie oft hat sich am Ende alles zum Guten gewendet.

Vielleicht ist der Flow genau das. Berg rauf, Berg runter, einmal Achterbahn aller Gefühle und Emotionen, und zwar mit einem Affenzahn. Und dann kommt man schon irgendwann irgendwo an.

Und dann, endlich am Ziel, ob nun geplant oder nicht, stehen einem die Haare zu Berge und der Rücken schmerzt und evtl. ist einem auch etwas flau im Bauch.

Dann steigt man aus, immer noch voller Adrenalin, noch überhaupt nix verarbeitet, und sagt: SCHEISSE, das war WILD!

Und (jetzt kommt’s): Auch wenn man sich dann schwört „nie wieder“, will man es vielleicht insgeheim doch ein ganz kleines bisschen nochmal erleben …

Enjoy

Tina

Blick vom Feldweg aus auf den Atlantik
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Mission possible

Ich erinnere mich noch genau an die Zeit, in der ich in Berlin meine sieben Sachen zusammengesucht habe (aka Schweiß, Geld und Nerven verlor), einen Van kaufte (noch mehr Nerven) und damit nach Frankreich gedonnert bin.

Ohne wirklich sichere Wohnung, nur mit einem Auto, in dem ich nicht mal hätte schlafen können, weil es bis unter die Decke mit all meinem Hab und Gut inklusive auseinandergebautem Fahrrad vollgestopft war.

Drei Tage fuhr ich durch Sprühregen.

Auswanderungs-Romantik

Die ersten Wochen waren saukalt und verstürmt. Meine erste Wohnung war nach zwei Wochen komplett verschimmelt. In der zweiten fühlte ich mich nicht wohl. Dazwischen gab ich meinen Job auf.

Wie durch ein Wunder fand ich eine gute Wohnungsalternative, in der ich schließlich blieb. Ich arbeitete in der Saison in einem französischen Laden. Bekam neue Aufträge.

Über(-)Mut

„Du bist aber mutig, dass du einfach so gegangen bist“, höre ich heute öfter. Ich weiß, dass das wertschätzend gemeint ist, trotzdem löst es bei mir eine Art Unwohlsein aus.

Für mich gab es damals einfach keine Alternative. Mir ging es in Deutschland nicht besonders gut, und alles, was ich wusste, war, dass ich unbedingt wissen musste, wie es wohl wäre, am Strand zu leben und mehr Möglichkeiten zum Surfen zu haben.

Frankreich war Zufall, weil ich dort irgendwann mal eine Saison gearbeitet hatte und daher die Gegend und gefühlt drei Menschen flüchtig kannte.

Wenn ich dann entgegne, dass es nicht unbedingt mit Mut zu tun hat und dass vielen Personen diese Möglichkeit offenstünde, ernte ich meist schmunzelnde Blicke. Jaja, ich mit meinem Freiheits-Mindset, dem Van und als Freelancerin – da ist es ja auch einfacher, die Zelte einfach mal abzubrechen.

Falsch.

Einfach ist erst mal gar nichts – auch nicht für mich. Wenn man mit der Erwartung geht, dass das Leben dann einfacher würde und die Probleme des Alltags verschwinden, dann kommt die Motivation aus den falschen Erwartungen (die auch garantiert enttäuscht werden).

Lebensstil-Veränderung

Es geht um eine Änderung des Ortes und/oder des Lebensstils dahingehend, dass er besser zum eigenen Wesen und den Bedürfnissen passt – nicht darum, zu beweisen, wer den meisten Mut hat.

Ich war schließlich auch nicht von Anfang an Freelancerin. Und ich habe auch anfangs kein gutes Französisch gesprochen, mal abgesehen davon, dass ich vorher eher Autos der Größenordnung „Golf“ durch die Gegend gefahren habe und keine Transporter.

Aber zurück zur Möglichkeit. Natürlich gibt es Grenzen, manche sind von außen bestimmt, aber viele setzen wir uns auch innen drin – im Kopf. Und nur weil ich das so locker-flockig wie von einem Abreißkalender geklaut schreibe, heißt es nicht, dass diese Grenzen weniger schwer zu überwinden wären. Ich weiß es zu gut.

Aber es ist möglich. Vielleicht ist dieses Verschieben von Grenzen – von dem, wovon wir denken, dass es nicht möglich ist – eher das, was manche als Mut bezeichnen.

Ich will nicht sagen, dass es gar keinen Mut braucht, aber der Mut ist eben ein anderer als der, den man braucht, um vom 10-Meter-Turm zu springen (nicht, dass ich das jemals gemacht hätte).

Ich würde es eher als „wirklich wollen“ in Kombination mit Durchhaltevermögen bezeichnen. Viel Durchhaltevermögen, um genau zu sein.

Die eigenen Limits bestimmen, wie viel unmöglich bleibt

Heute weiß ich eines: Es ist möglich – was auch immer „es“ für jeden individuell bedeutet. Ich beziehe mich hier natürlich vor allem aufs Reisen, längerfristige Ortswechsel, Vanlife und alternative Arbeitsmodelle.

Woher ich das weiß? Weil ich es gesehen habe. Mehrfach.

Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen, Menschen mit und ohne Familie, Menschen, die alles verkauft haben und seit Jahren im Camper leben und reisen, Menschen, die für ein paar Monate unterwegs sind. Menschen mit viel Geld, Menschen mit wenig. Menschen, die für lange Zeit bleiben und Menschen, die merken, dass es ihnen zu Hause doch besser gefallen hat.

Und Surprise: Man kann auch wieder zurück!

Menschen mit Remote-Jobs, Menschen, die ihren eigentlichen Job weitermachen – nur eben in einer anderen Sprache –, Menschen ohne Job, Menschen im Sabbatical, pensionierte Menschen, junge Menschen, ältere Menschen, Menschen mit konkreten Plänen, Menschen ohne Pläne, aber mit Wanderlust. Menschen im kleinen VW-Bus, Menschen in überdimensionalen Caravans, Menschen mit Fahrrad und Zelt oder zu Fuß und ohne Zelt.

Ich habe mit vielen von ihnen gesprochen, und eines weiß ich sicher: Für niemanden von diesen Personen war es immer nur einfach – aber sie haben es möglich gemacht und etwas verändert.

Die Frage ist also nicht, ob es möglich ist und ob jemand mutig genug ist, sondern: Welche Grenzen müssen verschoben werden, damit es möglich wird – und (fast noch wichtiger) was ist man bereit, dafür zu geben?

Haiaia, schon wieder so deep!

Enjoy

Tina

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Abakadabra … back to (Van)life!

„Abacadabra …!“

Lady Gaga gibt alles, als Eurowings auf die Minute genau in Lissabon aufsetzt.

Wer sich jetzt zurecht Fragen stellt: Meine Flugangst – warum auch immer – lässt sich erstaunlich effektiv mit mittel bis sehr schlimmen Popsongs bekämpfen. Meist sind sie eher sehr schlimm.

Aber zum Thema. Abrakadabra, sim sala bim – wer braucht schon eine Daunenjacke?

Das Schneegestöber vom Vorabend in Deutschland ist längst vergessen, als ich durch die portugiesische Sonne zum Flughafengebäude watschele. Wie neu geboren hat mich die fliegende Blechbüchse ausgespuckt.

Für mich ist Fliegen immer noch wie Zauberei, irgendwie sogar noch mehr als früher. In drei Stunden einfach mal bis Frühling vorgespult, während in Deutschland das x-te Mal Schnee fällt.

Wahrscheinlich auch, weil ich weiß, wie viel länger, anstrengender und auch teurer die Strecke mit dem Van oder dem Zug gewesen wäre:

Wie viele Übernachtungen, Anschlussängste, Warterei und auch Geld das gekostet hätte! Wahrscheinlich hätte ich dafür aber auch mehr erlebt, als drei Stunden lang Musik zu hören, zu versuchen zu lesen, wegzunicken oder meinen Sitznachbarn beim Selbigen zuzuschauen.

Abakadabra – „Zuhause“!

Heute steige ich noch mal lieber aus dem Flieger aus als eh schon, denn ich werde ausnahmsweise mal abgeholt. Auch wie Zauberei.

Zwei Stunden später muss noch ein Engel kommen, und zwar einer der gelben Sorte. Petit Bleu (der Van) hat den Winterschlaf etwas zu ernst genommen und muss leider überbrückt werden, ist ansonsten aber in Topform.

Es ist schon dunkel, als wir endlich den Campingplatz erreichen, und ich kann es irgendwie nicht so richtig fassen. Auch nach der Pizza und einem großzügigen Glas Wein noch nicht. Es ging einfach dann doch zu schnell. Ist das eine Palme …?

Schließlich überkommt mich eine Müdigkeit dieser Sorte, wie wenn man einen Umzug hinter sich gebracht hat und die letzten Helfer*innen nach Hause sind.

Ich schaffe gerade noch Zähneputzen und falle bei auffällig milden Temperaturen ins Bett.

Erst als ich am nächsten Morgen aufwache und nach einer halben Sekunde Verwirrtheit realisiere, wo ich bin, stellt sich Erleichterung ein: Abakadabra, „Zuhause“! Zumindest in einem der vielen Zuhauses, die ich mittlerweile angehäuft habe.

Auch wenn ich Vanlife öfter mal verfluche und ich es teilweise anstrengend finde – irgendwie ist der kleine Bus doch zu einer Art Safe Space geworden.

Leider ordnet sich das Van-Innere nicht wie durch Zauberhand von selbst, und so verbringe ich den Tag mit Räumen, Sortieren, Waschen, Einordnen, Ausmisten … und Kaffee beim Nachbar-Engel schnorren.

Und dann zieht mich natürlich eine bestimmte Sache magisch an …

Der (Sonnen)schein trügt

Glitzernd donnert der weiße Schaum in meine Richtung, und ich lasse den Blick bis zum Horizont schweifen. Die Wellen sind zum Glück zu groß, als dass sie mich ernsthaft in Versuchung bringen könnten.

Etwas erleichtert (weil NULL Energie und mentale Stärke fürs Surfen) latsche ich zum Campingplatz zurück. Unterwegs geht langsam die Sonne unter und …

… Aba – ka da bra – ähm, was ist bitte mit der Temperatur passiert?

Bei gefühlten Fünf Grad krieche ich schließlich zitternd in den Schlafsack. Hatte wohl den portugiesischen Frühling schon etwas zu früh eingeläutet, upsi 😀

Und wieder hilft das altbekannte Prinzip: Sim sala bim, zaubert der Nachbar-Engel einen Heizlüfter hervor und ich bekomme große Augen.

Als ich ihn annehmen will, zieht er noch mal kurz zurück: „Aber nicht damit durchbrennen …“

„Mist“, denke ich und muss schmunzeln – etwas über mich, aber auch über den ungewollten Wortwitz. Er kennt mich zu gut.

Abrakadabra, Nacht gerettet.

Enjoy

Tina

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Seiltanz im Nebel der Ungewissheit

Deutschland, irgendwo auf’m Dorf.

Offiziell sind es 3 °C, gefühlt minus 10.

Ich gehe meine obligatorische „große Runde“ spazieren. Ich genieße es in vollen Zügen, denn noch vor Kurzem war diese Runde wegen einer Verletzung nicht möglich – zumindest nicht ohne Schmerzen.

Langes Spazierengehen ist für mich aber kein nötiges Mental-Health-Übel, ich laufe freiwillig. Am liebsten stundenlang.

Normalerweise bin ich allein, aber heute tapst etwas neben mir her: Ich habe den Australian Shepherd vom Hof mitgenommen. Wenn man schon keinen eigenen hat, sollte man regelmäßig einen Hund „entführen“. Auch die glücklichsten Hundebesitzer:innen freuen sich meiner Erfahrung nach über etwas Gassi-Unterstützung.

Beim Spazierengehen fällt es mir leicht, loszulassen. Irgendwann komme ich in einen meditativen Zustand, aber oft beobachte ich auch einfach, was um mich herum so passiert.

Heute ist die Atmosphäre fast mystisch: Als ich aus einem Waldabschnitt die Straße hinauf in Richtung offenes Feld laufe, ist es so neblig, dass die schneebedeckten Weiden ihre Dimension verlieren.

Ich sehe mich um und fühle mich wie von 360° Zuckerwatte umschlossen.

Der Weg vor mir endet irgendwo im Nichts. Ich kann nicht sehen, was mich hinter der nächsten Kurve erwartet (aber natürlich weiß ich es, weil ich den Weg kenne ;-)).

Das Gefühl erinnert mich ans Reisen. Ich organisiere und mache und tue, aber so ganz sicher weiß ich nicht, was passieren wird. Wo genau ich hingehe. Wie lange ich wo bleibe. Was sich auftut, wenn sich der Nebel verzieht. Oder die Zuckerwatte – je nach Gusto.

Sich darauf einzulassen, fällt mir mal mehr, mal weniger schwer. Manchmal kostet mich das Loslassen, das Ins-Ungewisse-Gehen, viel Energie.

Manchmal fällt es mir schwer, mich anzupassen, flexibel auf unvorhergesehene Situationen zu reagieren, neue Wege zu erkunden.

Mich darauf einzulassen, dass ich heute nicht weiß, was genau morgen bringt. Immer wieder Lösungen zu finden.

Und dann ist das alles wieder ganz leicht, und ich bekomme fast Sehnsucht nach dem Ungewissen und der Herausforderung. Nicht umsonst empfiehlt Materia, Nebel mal rückwärts zu lesen.

Die Kunst? Balancieren, schätze ich. Auf der feinen Linie zwischen Sicherheit und Ungewissheit mache ich schon länger einen Seiltanz, wobei meine Arme mal mehr, mal weniger „rudern“, um das Gleichgewicht zu halten. Kurz bin ich in Deutschland abgesprungen, um Pause zu machen.

Das alles geht mir durch den Kopf, als ich vor mich hin trotte, während der Weg sich mit jedem Schritt ein Stückchen mehr eröffnet. Das Interessante: Ich mag die neue, ungewohnte Perspektive.

Denn durch die begrenzte Sicht fällt es mir auch leichter, mich auf das Wesentliche um mich herum zu konzentrieren: den Weg (und den Hund, hauptsächlich). Das andere kann ich ja eh nicht sehen.

Weniger Informationen können zwar Ungewissheit, aber für den Moment auch Erleichterung bringen: Ich habe nur einen Weg, den ich gehen kann, und nicht viel, das mich ablenkt.

Am nächsten Tag ist der Nebel weg, und ich sehe wieder „klar“, kann alles überblicken. Das ist schön, es lädt dazu ein, möglichst viel aufzunehmen, sich umzuschauen und die Weite zu genießen. Ich weiß nicht, ob ich das ohne den Nebel am Vortag auch so wahrgenommen hätte.

Vielleicht nehme ich das für meinen Seiltanz mit: Wenn ich mich darauf einlasse, dass ich nicht alles kontrollieren kann, brauche ich meine Entscheidungen auch nur auf das zu fokussieren, was ich weiß und sehe.

Wenn sich auf Reisen der Nebel verzieht und ich wieder „alles“ etwas besser überblicken kann, habe ich vermeintlich mehr Kontrolle – aber auch mehr Optionen.

Das war deep!

Jetzt erst mal durchatmen und Kaffee trinken. Wird wohl Zeit, dass ich wieder über Wellen philosophieren kann 😉

Winter Änste mit Schnee bedeckt
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Gegen dunklen Winterblues? Kleine Berliner Highlights.

Okay, ein Schritt vor den anderen, schön langsam … So zwingt mich der Wintereinbruch in Berlin mit Leichtigkeit zu dem, woran ich seit Jahren scheitere: langsamer machen.

Wie ein Michelin-Männchen, in zwei Lagen Pullovern plus Jacke, Leggings unter der Jeans, Schal, Kapuze und Handschuhen, die mich völlig unbeweglich machen, einer Sichtfeld-einschränkenden Kombi aus Mütze plus Kaputze und mit absolut ungeeigneten Turnschuhen, schliddere ich durch den Wintermatsch.

Eine Hand ist im Rutschfall bereit, mich auszubalancieren. Die andere zieht die Kapuze vors Gesicht, denn die nass-kalten Flocken wehen mir so dermaßen penetrant ins Gesicht, dass es wehtut.

Menschen frieren und fallen hin. Aber vor allem erlebe ich eines: Nervenaufreibende Ungeduld. Alle meckern, selbst ohne Blessuren. Es scheint, als würde Deutschland nur in schnell funktionieren.

Wir man unschwer erkennt, befinde ich mich nicht mehr im Süden. Eine Verletzung zwang mich zur Reisepause in Deutschland, denn ich brauche nicht mal Eisregen, um hinzufallen.

In Berlin bin ich allerdings freiwillig. Und das ist gut so, denn sonst wäre ich bei dem Wetter schon lange aus-ge-ras-tet. Zwar langsam (wegen der Kälte), aber es wäre passiert.

Der Winterblues sollte kein Ohrwurm werden

Das Ausrutsch-Risiko ist ungefähr so hoch wie von heute auf morgen einen Winterblues zu entwickeln, denn der Himmel ist noch grauer als man sich den Berliner Winterhimmel vorstellt.

Da hilft es natürlich wie immer möglichst viel Glitzer aufzutragen, aber sicherer ist es, sich zusätzlich ein paar kleine Highlights gegen die hartnäckige Dunkelheit einzubauen.

Nicht schwer, in einer Stadt der scheinbar unendlichen Möglichkeiten (und unendlichen Vorräten an Glitzer).

Ein Teil von mir wird immer noch (oder wieder) magisch davon angezogen – womit ich offensichtlich nicht alleine bin. So richtig verstanden habe ich es nicht, was genau mich so fasziniert (der Winter ist es auf jeden Fall nicht) – und damit habe ich den Zauber wahrscheinlich auch schon aufgedeckt.

Ich liebe vor allem die Vielfalt und die Möglichkeiten, die ich in Berlin habe. Das Über-Angebot.

Ich trinke Cappuccino mit Hafermilch und versorge mich mit Halloumi-Sandwiches und anderen Leckereien bis der Geldbeutel brennt (was erschreckend schnell geht haha), einfach weil ich es hier überall bekommen kann. Geil.

Ich genieße, dass ich mit der S-Bahn immer und überall hinfahren kann, ohne Parkplatzsuche, tanken oder Werkstatt-Terminen. Ein Traum.

Aus der warmen Bahn heraus beobachte die Sonne, wie sie untergeht und sich glitzernd in den Fassaden der hohen Häuser spiegelt (pünktlich um 15:00 Uhr wohlbemerkt). In der Ferne entdecke ich immer mal wieder der Fernsehturm. Beautiful!

Ich freue mich jedes Mal, wenn ich fremde Sprachen höre (also quasi immer), über Französisch natürlich besonders. Magnifique!

Ich lese so viele Bücher, wie ich bekommen kann (in Berlin offensichtlich einige), da ich auf Reisen oft an meinen E-Reader gebunden bin. Ein Luxusproblem, aber der Geruch eines neuen Buches ist unbezahlbar!

Die Liste könnte ich noch lange weiterführen, aber ich denke es wird auch so klar, was die Autorin mitteilen möchte: Zu bemerken, wie viel Luxus wir eigentlich im Alltag genießen, zu beobachten, was davon einem besonders Freude bereitet und daraus schließlich kleine Highlights werden zu lassen, kann man trainieren. Vielleicht hilft es nicht immer gleich, aber es kann dabei unterstützen, die Stimmung zu heben. Nicht nur, aber besonders im Winter.

Bis bald – mit neuen Geschichten aus milderen Klimazonen 😉

Enjoy

Tina

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„Tudo bem?“: Über Hinfälligkeit.

Ich bin hingefallen.

Was sich anhört wie die Abenteuer-Beschreibung eines kleinen Kindes, hat mich etwas mehr aus der Bahn geworfen, als gedacht.

Vielleicht, weil ich länger nicht hingefallen bin. Vielleicht, weil es echt auch echt wehtat. Vielleicht aber auch, weil sich Hinfallen im Ausland als Alleinreisende irgendwie angsteinflößender anfühlt, als zuhause in Deutschland in gewohnter Umgebung. Was auch immer die gewohnte Umgebung ist.

Im Moment des Geschehens fühlte ich mich unglaublich allein und hilflos, um im nächsten Moment zu merken, dass ich es nicht bin. Denn als ich da auf dem Kopfsteinpflaster im portigiesischen Küstenstädtchen Ericeira saß und noch gar nicht realisiert hatte, was passiert war, hielt schon ein Auto. „Tudo bem?“, fragt die Frau – „Alles OK?“. Ich nicke, obwohl ich mir da nicht so ganz sicher bin.

Es ist vor allem der Kopf, der alle möglichen Horrorszenarien abspielt: „So eine Scheiße, hoffentlich ist nix gebrochen“, denke ich, denn ich bin nicht zu knapp umgeknickt und auf die Knie geflogen. Ich rappele mich auf und laufe langsam nach Hause, das geht immerhin ohne größere Schmerzen.

Zwangspause auf Reisen


Als ich am nächsten Tag eher aus Vorsicht eine Praxis aufsuche und die Krankenschwester mich abtastet, sagt sie „You’re fine, but you have to take it slow.“

Als ich diese Worte höre, kann ich die Tränen gerade nochmal wegdrücken. Denn ich spüre, dass es genau das ist, was ich brauche: Mal eine Pause.

Denn obwohl ich weiß, dass Unterwegssein, Routen planen, Campingplätze suchen, Forecasts checken, Wellen suchen, Essen organisieren, Alleinsein bewältigen, arbeiten und die ständig wechselnden Umgebungen Zeit und Nerven fressen und ich deshalb genügend Pausen und Routine-Tage einbauen muss, habe ich mich nicht daran gehalten.

Und wenn man sich nicht selbst darum kümmert, dreht man irgendwann ab (oder fällt hin).

Deshalb gehe ich nach dem Arztbesuch erstmal frühstücken – etwas, das ich mir nicht oft (genug) gönne. Danach verlängere ich den Campingplatz um ein paar Nächte (auch etwas, das ich nicht oft mache), gehe heiß duschen und setze mich in Ruhe an meine Arbeit. Es geht mir schon besser, ich merke, dass ich evtl. nicht nur körperlich etwas „hinfällig“ war.

Moment mal: Übers Innehalten und Dankbarsein


Das Krasse: Ich erinnere mich noch genau daran, was mir durch den Kopf ging, kurz bevor ich den Bordstein übersah: Wie unglaublich es ist, dass diese Reise möglich ist, wie toll Ericeira ist – und dass ich trotz der Anstrengungen auch wunderschöne Momente erleben darf.

Im nächsten Moment lag ich da.

Deshalb folgt dem Sturz noch eine bahnbrechende Erkenntnis: Es kann alles ganz schnell auch wieder anders sein.

Deshalb ist es wohl so wichtig, Dinge jetzt zu tun (und nicht erst irgendwann), auch kleine Momente zu wertschätzen und auch mal anzuhalten, sich umzuschauen und dankbar für das zu sein, was gerade da ist. Zusätzlich empfehle ich eine gute Auslands-Krankenversicherung 😉

Heute mache ich „Pause“ – was eher heißt, dass ich mal einen Tag mir selbst widme und Routine einkehren lasse. Ich nehme mir vor, öfter mal inne zu halten und mir die Frage „Tudo bem“? nicht nur häufiger mal selbst zu stellen, sondern auch ehrlich zu beantworten.

Wenn man hinfällt, ist eines wichtig: wieder aufzustehen. Das mache ich, und gehe (bzw. fahre) – langsam und vielleicht etwas bewusster – weiter.

Enjoy
Tina

Bergdorf mit Gassen
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War knapp: Über Umwege zum Surf-Spot

Ich stecke fest.
Im wahrsten Sinne des Wortes. Also, fast.

Ich habe den Fehler gemacht und Google Maps auf dem Weg zum Surfspot blind vertraut. Ich muss zugeben, die Strecke kam mir eh schon mehr als komisch vor – aber ich wollte ja unbedingt schnell zu den Wellen – und fuhr wie eine Wahnsinnige durch die kurvenreiche Bergstraße.

Der Spot versteckte sich gut und dann bog ich in meinem Wahn auch nochmal eigenständig falsch auf eine kleine Nebenstraße ab …

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Verzweifelt navigiere meinen Van durch die engen Gassen eines kleinen galizischen Bergdorfes – und zum ersten Mal habe ich wirklich Angst, stecken zu bleiben. Ich muss mehrfach zurücksetzen, damit ich die Kurven kriege.

Als ich nach einer gefühlten Ewigkeit die Ausweg-Gasse finde, die auf die normale Straße zurückführt, graut es mir. Erster Gedanke: Schon ganz schön eng.

Und was hilft in solchen Situationen? Nennen wir es „angepasste“ Rationalität!

1. Straßen wurden für Autos gebaut (bei dieser sind wir uns zwar nicht ganz sicher, aber egal). 2. Es gibt Standards dafür, wie breit die Straßen sein müssen, damit ein Auto durchpasst (genau! In the Middle of Nowhere im spanischen Bergdorf vor allem). 3. Petit Bleu (der Van) ist ein normales Auto (was auch nicht ganz stimmt, aber wann sollte man sich selbst belügen dürfen, wenn nicht in solchen Situationen?). 4. Es stehen noch andere Autos in den Einfahrten, also muss es möglich sein (leider keine Vans, sondern eher Twingos, aber auch hier: egal).

Schlussfolgerung nach rationaler Auswertung und mehrfacher Begutachtung des Aus-Weges: Das passt.

Ich atme durch, gebe Gas und hoffe das Beste. Ich merke, wie Büsche und Lianen (Lianen, ganz typisch für spanische Bergdörfer …) den Van von allen Seiten streifen und wie ich mich intuitiv ducke … Mein armes Auto! OMG!

Ratsch hier, ratsch da … es ist knapp, aber es passt. Als ich wieder auf der normalen Straße bin, weiß ich selbst nicht, ob ich lachen oder weinen oder erstmal anhalten soll. Letzteres wäre wahrscheinlich sinnvoll.

In oder auch nach solchen Situationen kommt manchmal ein Moment, der sich anfühlt, als würde ich kurz „zur Besinnung“ kommen und die Absurdität des Moments in vollen Zügen realisieren.

Dann ergibt alles (in diesem Fall die Reise) absolut keinen und gleichzeitig den größten Sinn. Am Ende sind diese Situationen am ehesten mit Humor zu ertragen. Also fange ich laut an zu lachen.

Ich fahre weiter, erleichtert, dass Petit Bleu anscheinend keine größeren Schäden davongetragen hat und ich dem Bergdorf entflohen bin. Beobachter:innen hätten es wahrscheinlich als weitaus weniger dramatisch eingestuft.

Als ich mich wieder gefangen habe fällt mir wieder ein, was das Ziel der ganzen Aktion war: Wellen! Das Universium hat also ziemlich effektiv geregelt, dass meine Aufmerksamkeit von meinem „ich muss jetzt sofort zum Surf-Spot“ wieder auf die Straße und die Umgebung um mich herum gelenkt wird. Gutes Universum.

Die Wellen sind anschließend nicht die besten, aber ich bin einfach glücklich darüber, überhaupt im Wasser zu sein. Und Steckenbleiben ist zum Glück eines der wenigen Probleme, die im Atlantik eher nicht zu erwarten sind 😉

Enjoy
Tina

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On the road zur Intuition

Es ist ein Samstag und schon Mittagszeit, als ich mit meinem Van irgendwo im portugiesischen Inland auf Höhe der Küstenstadt Figuera da Foz rumgurke.

Nervlich bin ich irgendwo zwischen nervöser Unruhe und Erschöpfung, denn ich sitze seit Stunden im Auto. Ein Sturm zieht auf und ich will einfach irgendwo ankommen – was manchmal gar nicht so einfach ist (auch generell im Leben).

Nachdem ich bereits zwei große, aber für meinen Geschmack auch zu verlassene Campingplätze hinter mir gelassen habe, entdecke ich einen in meiner App, der vom ersten Eindruck her das beste Bauchgefühl auslöst. Meine Intuition sagt: Fahr hin.

Und dann meldet sich die Logik und verscheucht (wie so oft) das Bauchgefühl: Denn laut App wird dort ein Mindestaufenthalt von drei Nächten gefordert und außerdem liegt der Platz nicht direkt an der Küste. Ich will nur eine Nacht bleiben und am liebsten am Meer sein (was bei einem aufkommenden Sturm wirklich gar keinen Sinn ergibt, aber gut). Also weiter, gegen das Bauchgefühl.

Echtzeit-Problem

Schließlich steuere ich meine einzige Alternative an: Ein verhältnismäßig teurer Platz mit gemischten Bewertungen – dafür aber direkt am Atlanktik.

Bereits auf dem Weg dahin kommen mir erste Zweifel: Neben einem Industriehafen gelegen, vermittelt die Gegend nicht unbedingt das Gefühl von Sicherheit und angenehmen Beach-Life, vor allem nicht mit einer Sturm-Warnung im Rücken.

Ich checke trotz des unguten Gefühls ein und bereue meine Entscheidung quasi sofort: Mit jeder Scheibenwischerbewegung offenbart sich ein exponierter Beton-Platz durch die verregnete Windschutzscheibe, und meine Befürchtungen werden mit jedem gefahrenen Meter quasi in Echtzeit zum Problem.

Ungläubig schleiche ich über den grauen, trostlosen Platz, auf dem bestimmt 80 % der Parzellen leer stehen. Es gibt keine Bäume, keinen Windschutz, nichts. Ich parke erstmal irgendwo und kämpfe mich durch Wind und Regen zum Kofferraum (dramatische Beschreibung für maximal drei Meter Fußweg, ich weiß). Dabei weht mir zusätzlich der Geruch von Abwasser in die Nase …

Zurück im Auto sitze ich wie versteinert da. Ich bin so in meiner „Was zur …-Trance“, dass ich fast erschrecke als mein Telefon klingelt: Der Besitzer von einem der anderen Campingplätze schreibt. Es gäbe eine Sturmwarnung, ich solle vorsichtig sein. Guter Mensch.

Die Suchmaschine hat sich zusätzlich etwas ganz Spektakuläres einfallen lassen: Ein bedrohlich wirkendes Wirbel-Zeichen, dass auch gut das Blatt einer Kettensäge darstellen könnte, strahlt mich in leuchtendem Rot an. Darunter steht: „Tropischer Sturm über dem atlantischen Ozean“.

Ja, geil – genauso hatte ich mir das vorgestellt. Von wegen, der Traum der ewigen Vanlife-Freiheit. Am Arsch. Ich will nach Hause, und zwar bitte recht zügig.

Während andere zuhause den Samstagnachmittag genießen, vielleicht einen Kaffee trinken und etwas mit Freund:innen unternehmen, sitze ich mit meinem mein Lidl-Brötchen bei Sprühregen irgendwo in Portugal auf einem trostlosen Camping-Platz, mutterseelenallein.

Dazu lese ich später ich in „Der alte Patagonien-Express“ von Paul Theroux eine Stelle, die meine Gedanken in diesem Moment exakt beschreibt:

An solchen Tagen frage ich mich, warum ich das alles auf mich nehme und Ordnung und Freunde gegen Unordnung und Fremde eintausche. Ich habe Heimweh und fühle mich für meine selbstsichere Reise gestraft. […] Worin bestand eigentlich der Sinn dieser Reise, abgesehen davon, dass ich zu unruhig gewesen war, an meinem Schreibtisch sitzen zu bleiben und noch einen Winter zu ertragen?

Ja, warum?

Mir fällt auf, dass diese Frage ausschließlich dann aufkommt, wenn etwas nicht so läuft wie geplant (was auf dieser Reise ca. alle zwei Tage der Fall ist).

In diesem Moment finde ich keine Antwort – aber ich weiß, dass der von Theroux erwähnte Grund, den deutschen Winter (noch) nicht ertragen zu müssen, ein ziemlich guter, und für den Moment auch völlig ausreichend ist.

Die Intuition weiß es (besser)

Glücklicherweise erinnere ich mich recht schnell daran, was zu tun ist, wenn man das Gefühl hat, die Situation wird nicht mehr tragbar: Man folgt seiner Intuition und ändert, was möglich ist.

Also folge ich meinem anfänglichen Bauchgefühl und fahre den anderen Campingplatz an – gerne bereit, die angegebenen drei Nächte Mindestaufenthalt in Kauf zu nehmen.

Und dann, keine 20 Minuten später, geht vor mir die Büchse – bzw. wohl eher das Tor zur Pandora auf: Ein wunderschön grüner Campingplatz empfängt mich mit riesen Stellplätzen, netten Leuten und sogar einem Raum zum Arbeiten! Statt Industriegebiet riecht es nach Blumen und Geborgenheit.

Der Sturm bleibt nicht aus, fällt aber – geschützt von diversen Büschen – milder aus, als gedacht. Ich habe keine Angst. Am nächsten Morgen scheint die Sonne – und macht den Platz nochmal schöner und grüner.

Diese Geschichte zeigt: Selbst ich kann noch Heimweh bekommen 😉 Meine Intuition und innere Stimme haben sich nicht nur ein Mal als sehr wertvolle Hilfsmittel dafür entpuppt, dass ich mich wohl und sicher fühle. Sie wahrzunehmen ist das Eine – dann aber auch auf sie zu hören und vor allem ihr zu folgen ist trotzdem nicht immer die leichteste Übung.

Ich bin sehr dankbar, dass ich mich in dieser Situation auf mich selbst verlassen konnte. Solche Momente zeigen mir, was ich wirklich brauche.

Kleiner Fun Fact zum Ende: Der Mindestaufenthalt von drei Nächten (der mich ursprünglich auch von der Buchung abgehalten hatte) galt in der Nebensaison gar nicht – und ich blieb schließlich sogar freiwillig vier Nächte 😀

Enjoy
Tina

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You can’t stop the waves …

Atemlos sitze ich im Line-up. „Scheiße, man“, geht mir wirklich als erstes durch den Kopf. Meine Arme brennen, mein Mund schmeckt nach Salzwasser, mein Rachen brennt. Meine Kondition ist offensichtlich jenseits von Gut und Böse. Die Leash (das Ding, womit das Board an meinem Knöchel verbunden ist) hat in den vergangenen Waschgängen so an meinem Fuß gezerrt, dass die Haut dort rot wird und brennt.

Offensichtlich fehlt es mir an Kondition. Deshalb kriege ich jetzt schon nach 15 Minuten Paddel-Action keine Luft mehr und frage mich, was ich hier eigentlich mache. Im saukalten Ozean. Mit einem Brett. In einem Anzug. Die erste der Fragen kommt mir zugegeben öfter. Wahrscheinlich stellt man sie sich generell im Leben das ein oder andere Mal. Die Antwort ist mal mehr, mal weniger einfach.

Immerhin: Auf meinem Weg ins Wasser habe ich mich nicht von der durch die anrollenden Monster-Wellen aufkommenden Panik überwältigen lassen, sondern brav abgewartet.

Timing entscheidet: Wellen kommen in Sets, also immer ein paar hintereinander, dann ist kurz Pause. Und dann paddelt man besser los, sofern man irgendwann weiter hinten ankommen will.

Adrenalin ist notwendig, damit der Körper „performt“. Panik entzieht die Energie, die ich für diese Performance brauche. Adrenalin für den Moment okay, Panik nicht. Immerhin das kann ich mittlerweile – wenn auch eher grob.

Jetzt ist alles ruhig. Ich sitze in der „Sicherheitszone“. Fast entspannt, wie auf einem riesengroßen dunkelblauen fliegenden Teppich. Die Wellen bauen sich auf und wiegen mich auf meinem Board hin und her. Hinter mir höre ich sie donnernd brechen, denn sie sind heute größer als meine Komfortzone.

Nun könnte man sich fragen, warum ich überhaupt erst rausgepaddelt bin. Warum ich nicht nach der dritten Wellen-Waschmaschine eingesehen habe, dass heute vielleicht nicht der Tag ist, um sich seinen Ängsten zu stellen und persönliche Grenzen zu verschieben.

Die Antwort ist bei mir einfach: Wenn ich danach gehe, wann der richtige Tag ist, mache ich es nie. Das gilt für die Steuererklärung oder Zahnarzt-Termine genauso wie für größere Wellen. Um mit der Angst leben zu können, muss ich mich daran gewöhnen. Deshalb sitze ich hier. Den Kalenderspruch “You can’t stop the waves but you can learn to surf”, erspare ich uns an dieser Stelle.

„Es wird besser werden“, rede ich mir gut zu. In diesem Moment muss ich an meine Steuererklärung denken, die ich seit Jahren auf den letzten Drücker erledige (und jedes Jahr artet es in einer Katastrophe aus) – und muss kurz lachen. An manches gewöhnt man sich vielleicht doch nie.

Also bleibe ich erstmal sitzen. Beobachte. Fokus auf den Moment und so.

Und Surprise: Desto länger ich da so rumsitze und medium-professionell von links nach rechts paddele (immer schön dort, wo keine Welle bricht), desto mehr gewöhne ich mich an die Situation.

Natürlich bleibt die Angst, es könnte jeden Moment eine Monster-Welle aus dem Nichts auftauchen und über mir zusammenbrechen (es wäre nicht das erste Mal). Schließlich sitze ich in einem Ozean, einer letztlich wenig kontrollierbaren Naturgewalt. Aber in diesem Moment bleibt mir nichts anderes übrig, als darauf zu vertrauen, dass ich die Monster-Welle früh genug bemerken würde oder dass – falls es passiert – ich mit der Situation umgehen kann (stellt euch an dieser Stelle gerne ein leichtes ironisches Schmunzeln vor).

Irgendwann wird mir allerdings eine Sache klar (Achtung, jetzt passiert ganz große Logik): Wenn ich jemals wieder wieder zurück an den Strand will, brauche ich dazu wohl eine Welle.

Also paddele Richtung der sich aufbauenden Wasserwand …

Die ersten beiden Male kneife ich und ziehe mein Board im letzten Moment zurück. Der Schaum klatscht mir ins Gesicht: Feigling!

Die dritte Welle paddele ich an, nehme Fahrt auf, schaffe es in die Welle und stehe auf. Ich freue mich – leider etwas zu früh – denn ich drehe das Board nicht rechtzeitig zur Seite um die Welle abzureiten, der Schaum der brechenden Welle bringt mich ins wanken, und ich falle in die kalte Waschmaschine.

Eine Welle nach der anderen spült mich näher an den Strand, ich verliere das Gefühl für oben und unten, und mir bleibt nicht viel übrig als meinen Kopf zu schützen und das Beste zu hoffen. Wie war das nochmal? Hier, dings … bloß keine Panik.

Als ich mich aus dem Wasser schleppe, bin ich mittel-enttäuscht, aber glücklich (das ist das fiese am Surfen, es bringt einen an den Rande des emotionalen Wahnsinns und man paddelt doch wieder raus …).

Fast könnte man meinen, ich will einen Anti-Surf-Beitrag schreiben, aber das ist natürlich überhaupt nicht das Ziel. Das Ziel ist, zu zeigen, worum es beim Surfen (auch) geht:

Um Timing, Geduld, und Durchhaltevermögen. Es geht darum, mit Ängsten umzugehen und Panik zu kontrollieren. Deshalb ist Surfen auch ein extremer Sport, nicht nur körperlich.

Und was ist jetzt mit den unbeschreiblichen Glücksmomenten, wenn alles stimmt, und die softe Baby-Welle mich bei bestem Wetter bis an den Strand trägt, mit fröhlicher, hawaiianischer Musik im Hintergrund? Die gibt’s natürlich auch. Sie sind theoretisch das Ergebnis von Timing, Ruhe bewahren, sich selbst motivieren und der nötigen Fitness. Mit Theorie hat es der südfranzösische Atlantik nur leider nicht so.

Für mich ist Surfen eine der besten Sportarten, die mich auf körperlicher, emotionaler und psychischer Ebene immer und immer wieder herausfordern und stärken.

Enjoy

Tina

Blog

Cool sein: Nix für Warmduscher:innen

Galizien. Fast kann ich es nicht glauben: Eben noch musste ich wegen dem Sprühregen in Nordspanien den Scheibenwischer auf die höchste Stufe stellen und langsamer fahren, und im nächsten Moment (OK zugegeben, es liegen 4 Stunden Fahrt hinter mir) komme ich auf einem Parkplatz mit direktem Blick aufs Meer an – bei strahlendem Sonnenschein und mit dem Campingplatz gleich nebenan. Als wäre nix gewesen.

Vorfreude steigt in mir auf, aber nicht nur wegen der Aussicht: Ich sehne ich mich nach einer warmen Dusche. Überhaupt eine Dusche wäre gut.

Warum ich länger keine hatte? Ich wollte cool sein wie die anderen großen Vans, und habe das Wochenende auf einem normalen Parkplatz verbracht – mit Trenntoilette und ohne Strom oder Privatsphäre. Im Meer baden fiel wegen der Kälte aus, das hätte auch kein Winter-Wetsuit der Welt geändert. Also fetteten meine Haare vor sich hin.

Als sich schließlich noch Starkregen und Gewitter über dem sonst so schönen Oyambre Beach breitmachten und sich der Parkplatz in eine Matsch-Hölle verwandelte, fand ich Cool-Sein plötzlich doch nicht mehr so wichtig, und fuhr durch die schwarzen nordspanischen Wolken-Regenwände Richtung Galizien.

Nachdem die ersten Starkregen-Schübe überstanden waren, wurde das Wetter mit jedem Kilometer Richtung Westküste schöner. Als würde sich nach und nach eine goldene Tür auftun. Das erinnert mich daran, dass man die Türen manchmal eben selbst öffnen muss, damit sich was ändert. Oder sich zumindest mal leicht dagegen lehnen und schauen, ob sich was tut.

Nach der Surf-Spot-Inspektion genieße ich die Campingplatz-Annehmlichkeiten: Mal wieder richtig abspülen und mich wieder „auffällig“ installieren. Stühle raus. Tisch decken. Routine entwickeln – vor allem eine mit Körperpflege.

Freudig dackele ich also mit meiner DM-Tüte (aka der ultimative Dusch-Kulturbeutel) Richtung Duschhaus. In der Kabine drücke ich den Knopf, warte die erste kalte Ladung Wasser ab … und drücke nochmal. Gedulde mich. Fühle vorsichtig mit der Hand …

Drücke nochmal. Fühle nochmal. Leichter Temperatur-Anstieg? Eher Wärme-Fata Morgana. Nochmal drücken … Die kalten Strahlen lassen die Halluzination verschwinden, und mit jedem Zentimeter neuer Gänsehaut festigt sich die Einsicht: Warm wird hier heute gar nichts mehr.

Eine halbe Minute später ist das Spa-Erlebnis vorbei, und mein Körper eine seltsame Mischung aus durchgefroren, sauber und aktiviertem Kreislauf. Das muss das Geheimnis der Kaltduscher:innen und Eisbader:innen sein.

Der Föhn muss schließlich ausgleichen, was die Dusche nicht halten konnte – Grüße gehen raus an den funktionierenden Stromanschluss.

Anschließend bin ich trotzdem zufrieden. Wahrscheinlich, weil ich auf Reisen meist glücklich bin. Vielleicht auch, weil ich weiß, dass die Duschen irgendwann wieder wärmer werden. Ganz sicher aber, weil ich weiß, dass ich richtig bin, dort, wo ich bin: Das Gefühl im Bauch zu haben, schlägt jede warme Dusche (gewagtes Statement, ich weiß :D).

Auf nach Galícia!

Galizien selbst hat mich komplett überrascht: Wunderschön, wild, mit Steilklippen, sattgrünen Wiesen und guten Surf-Spots! Ende September für Frostbeulen wie mich vielleicht schon an der Grenze, aber definitiv machbar – sofern die Dusche warm wird 😉

Enjoy

Tina