„Hach, findest du nicht auch, dass auf Reisen immer alles so im Flow ist?“
Meine Mitbewohnerin strahlt mich erwartungsvoll von der Seite an, während ich meine Möhren unter der Spüle wasche und an nichts denke.
Wir haben uns in dem Co-Living an der Algarve kennengelernt, in dem ich seit kurzem eingebucht bin – wie eine große Reisenden-WG, nur mit zusätzlichem Co-Working Space.
Hier gefällt es mir gut und ich fühle mich wohl, in den Unterkünften in den Wochen davor war das eher nicht so. Mal abgesehen vom Campingplatz, auf dem ich die erste Woche verbrachte und wo ich mich durch Nächte kämpfte, in denen die Temperaturen nachts auf um die 5 Grad fielen.
Ich gucke sie an, zögerlich setze ich zu einer Antwort an, aber aus meinem Mund will keine richtige Antwort kommen. Ich fühle mich beklemmt.
Dann denke ich „was soll’s“, und suche doch nach Worten, die meine Meinung dazu in dem Moment am ehesten beschreiben würden.
„Hm, ja, grundsätzlich finde ich schon, dass sich auf Reisen immer sehr viele glückliche Zufälle ergeben. Im Moment habe ich allerdings nicht unbedingt das Gefühl, so besonders im Flow zu sein, weil mir meine Reise irgendwie eher beschwerlich vorkommt.“
Kurz bin ich mir unsicher, ob ich zu ehrlich geantwortet habe. Aber die Ehrlichkeit entpuppt sich als Opener für ein sehr tiefgründiges Gespräch.
Wir reden übe die Suche auf Reisen, das ständige in sich reinhören, auf sich hören, Entscheidungen treffen, organisieren, Unvorhergesehenes einordnen, Probleme lösen, und so weiter.
Wir sind uns einig, dass es schön ist, aber nicht immer nur einfach und alles flowt.
Schließlich erzähle ich ihr, dass ich die Unterkunft, in der wir zusammen wohnen, nur durch einen Zufall gefunden habe. In einem Moment, in dem ich kurz vorm Aufgeben war.
„Ich konnte es selbst kaum glauben, als ich im anderen Hostel saß, total fertig, und dann das Inserat auf Facebook entdeckt habe“, beschreibe ich die Situation, in der ich mich noch vor ein paar Tagen befand.
Und wer sich jetzt Fragen stellt: Es funktioniert wirklich noch unglaublich viel auf Facebook, besonders, was kleinere Orte angeht. Aber für diese bahnbrechende Erkenntnis muss man wohl nicht extra bis nach Portugal fahren.
Meine Mitbewohnerin hört sich die Geschichte an und schlussfolgert: „Naja, also ist es ja jetzt doch irgendwie im Flow!“
Das stimmt mich nachdenklich, denn sie hat Recht.
Vielleicht ist es nicht der „Flow“, den man im Kopf hat, wenn man an den gleichnamigen „Flow-Zustand“ denkt (und mit dem Zustand kann meine Reise auch wirklich nicht verglichen werden).
Mit Flow in Bezug auf die Reise ist wahrscheinlich eher die Erwartung gemeint, dass alles „fließend“ funktioniert, dass sich Dinge immer fügen und so ergeben, sodass man hinterher sagt „Wow, wie gut, dass ich das damals so und so gemacht habe, sonst hätte ich diese und jene Person, die so wichtig für die Reise wurde, niemals getroffen …!“
Aber dass alles immer wie durch Zauberhand fließt, ist natürlich absoluter Quatsch. Das passiert, wenn überhaupt, in einem gut geschnittenen Instagram-Video.
Enjoy the ride
Eine Reise ist niemals gradlinig.
Sie läuft mit Ups und Downs, mal funktionieren Dinge, mal nicht so richtig, und mal auch überhaupt nicht. Besonders vorher aufgebaute Erwartungen können einem da gehörig einen Strich durch die Rechnung machen.
Mal ist das dringend benötigte Bauchgefühl nicht da, mal trifft man komische Entscheidungen und dann kommt Frust auf, denn der Bus kommt nicht (wusste schon Peter Fox).
Mal bekommt man nicht das, was man wollte, und ist total gestresst, dann bekommt man dafür aber was anderes, was sich dann als viel besser entpuppt als das, was man vorhatte, und hinterher sieht das natürlich wie Flow aus.
Aber ich denke trotzdem, dass an dem Gedanken, es einfach mal fließen zu lassen, schon etwas dran ist. Man muss nur in der Lage sein, den Flow zu sehen und vor allem, ihn auch zuzulassen.
Spoiler: Das kann ich nicht gut. Wie oft stand ich mir selbst im Weg, weil ich nicht alles kontrollieren konnte, und verfiel in Panik. Wie oft hat sich am Ende alles zum Guten gewendet.
Vielleicht ist der Flow genau das. Berg rauf, Berg runter, einmal Achterbahn aller Gefühle und Emotionen, und zwar mit einem Affenzahn. Und dann kommt man schon irgendwann irgendwo an.
Und dann, endlich am Ziel, ob nun geplant oder nicht, stehen einem die Haare zu Berge und der Rücken schmerzt und evtl. ist einem auch etwas flau im Bauch.
Dann steigt man aus, immer noch voller Adrenalin, noch überhaupt nix verarbeitet, und sagt: SCHEISSE, das war WILD!
Und (jetzt kommt’s): Auch wenn man sich dann schwört „nie wieder“, will man es vielleicht insgeheim doch ein ganz kleines bisschen nochmal erleben …
Enjoy
Tina
