Ein Spiegel mit Ranken bedeckt.
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Im Spiegel der Vergangenheit

Ich bin nass. Leider kein Salzwasser … (für alle, die es noch nicht wissen: Ich habe viel Zeit auf einem Board im Ozean verbracht).

Was ist also passiert?

Zunächst schätze ich die Luftfeuchtigkeit in Berlin auf 98 %, der Nieselregen tut den Rest. Jetzt noch ein paar Lianen, und wir brauchen keinen teuren Flug mehr in die Tropen.

Unter meinem Arm klemmt etwas nicht ganz Leichtes: ein länglicher, rechteckiger Spiegel, ergattert auf einer Sperrmüll-Aktion, bei der ich eigentlich nur einen alten Wasserkocher abgeben wollte. Das ist wie zu DM zu gehen: Eigentlich braucht man nichts.

Der Zustand des Spiegels ist allerdings so weit entfernt von Sperrmüll, dass ich auf meinem Weg immer wieder interessierten Abnehmer:innen ausweichen muss.

„Sorry, ich habe ihn selbst erst gerade bekommen“, keuche ich, während ich überlege, wie ich meinen Wasserkocher ins Fahrzeug der Berliner Stadtreinigung (BSR) befördere, ohne dass mir der Spiegel direkt von „Das-ist-gratis“-hungrigen Berliner:innen abgenommen wird.

Denn gratis gibt’s hier ansonsten nicht so viel.

Zum Glück finde ich einen verlässlichen Aufpasser von der BSR, der es lustig findet, sich als Marktschreier zu versuchen und meinen Spiegel im Gewusel anzubieten, nur damit ich mich umdrehe und einen, wenn auch gespielten, besorgten Blick aufsetze.

Als ich nach Hause laufe, wird der Regen stärker. Der Spiegel klemmt längs unter meinem Arm – und für die letzten Meter stelle ich mir vor, es wäre ein etwas größeres Surfboard. Leicht amüsiert schaue ich zur Seite – und erschrecke mich direkt vor mir selbst.

Ich sehe aus wie ein nasser, verschwitzter Pudel und habe durch den Surfboard-Traum irgendwie vergessen, dass ich einen Spiegel transportiere.

Nach dem ersten Schock schaue ich mich doch kurz an, während ich durch den verregneten Samstagmorgen weiterlaufe, und stelle mir im Spiegel gedanklich eine Frage:

Was bitte TUE ich hier?

Meine Stimmung kippt: Vom heiteren Ankommen und einfach Weitermachen geht der Blick langsam eher zurück in eine rückwärtsgerichtete, melancholische Weltuntergangsstimmung.

Wie konnte ich all das hinter mir lassen? Den Van? Die Wellen? Die Freiheit?

Wie kann es sein, dass ich mich auf einmal darüber freue, einen gratis Ganzkörperspiegel durch Berlin zu transportieren, nachdem ich fünf Jahre wunderbar ohne ausgekommen bin?

Vielleicht ist das offiziell der Moment, in dem ich in die Spießigkeitsspirale abrutsche, von der ich ja immer behauptet habe, dass ich da nie wieder hineingeraten würde.

Vielleicht ist es der Moment, mir selbst und meiner Vergangenheit den Spiegel vorzuhalten. Und ich sage euch eins: Darin gibt es einiges zu sehen.

All die Geschichten, die Abenteuer, die Menschen, die Wellen, das Leben als Freelancerin, irgendwo zwischen Projekten und der günstigsten Unterkunft. Frankreich. Spanien. Portugal. Der Van. Die Freiheit. Die Pannen. Die unaufhörlichen Ups and Downs, alles ohne festen Wohnsitz. Unglaublich.

Vielleicht ist ein Spiegel genau das, was es jetzt braucht. Um sich mal anzugucken, wie wunderschön das alles war. Aber auch, um zu sehen, dass nicht alles immer so ganz romantisch war, wie ich mir das vorgestellt hatte, und dass es Gründe dafür gab, wieder nach Deutschland zurückzukommen.

Wie ein Profi drücke ich die Haustür so schwungvoll auf, dass ich easy Zeit habe, den Spiegel durch die Tür zu manövrieren – zu oft habe ich das Board auf diese Weise irgendwo hindurchbalanciert.

Ich schmunzele über diese routinierten Abläufe. Hätte nicht gedacht, dass sie in einer solchen Situation mal übertragbar sein würden. Ich hoffe nur, dass ich noch ein paar mehr nützliche Skills aus den letzten Jahren mitgenommen habe 😀

Vielleicht hat mir die Aktion auch noch etwas gezeigt: Es geht weiter. Ob man nun Boards oder Spiegel transportiert, beides erfüllt seinen Zweck. Beides wird mir nützlich sein.

Als ich den Spiegel ins Zimmer wuchte, schaut mich das Board fast etwas beleidigt aus seiner gegenüberliegenden Ecke an, in die ich es gestellt habe.

„Aha, wer ist denn der Neue?“, scheint es zu fragen.

Als ich das Board vor ein paar Wochen in meinem Zimmer aufgestellt habe, fühlte sich das Zimmer direkt mehr nach Zuhause an. Es erinnerte mich ans Meer, an die Wellen und an alle Waschmaschinen. Der Spiegel macht es wohnlicher, ist aber auch etwas subtiler. Vielleicht animiert er mich dazu, mich neu zu betrachten. Aus einer anderen Perspektive.

Und um sich zu betrachten, muss man kurz stehen bleiben und sich Zeit nehmen. Vielleicht steht die Situation gerade genau dafür. Nicht für Stillstand, sondern für Anhalten, um die Perspektive zu wechseln und sich neu auszurichten.

Aber vielleicht … ist es auch einfach nur ein Spiegel.

Enjoy

Tina