Ich erinnere mich noch genau an die Zeit, in der ich in Berlin meine sieben Sachen zusammengesucht habe (aka Schweiß, Geld und Nerven verlor), einen Van kaufte (noch mehr Nerven) und damit nach Frankreich gedonnert bin.
Ohne wirklich sichere Wohnung, nur mit einem Auto, in dem ich nicht mal hätte schlafen können, weil es bis unter die Decke mit all meinem Hab und Gut inklusive auseinandergebautem Fahrrad vollgestopft war.
Drei Tage fuhr ich durch Sprühregen.
Auswanderungs-Romantik
Die ersten Wochen waren saukalt und verstürmt. Meine erste Wohnung war nach zwei Wochen komplett verschimmelt. In der zweiten fühlte ich mich nicht wohl. Dazwischen gab ich meinen Job auf.
Wie durch ein Wunder fand ich eine gute Wohnungsalternative, in der ich schließlich blieb. Ich arbeitete in der Saison in einem französischen Laden. Bekam neue Aufträge.
Über(-)Mut
„Du bist aber mutig, dass du einfach so gegangen bist“, höre ich heute öfter. Ich weiß, dass das wertschätzend gemeint ist, trotzdem löst es bei mir eine Art Unwohlsein aus.
Für mich gab es damals einfach keine Alternative. Mir ging es in Deutschland nicht besonders gut, und alles, was ich wusste, war, dass ich unbedingt wissen musste, wie es wohl wäre, am Strand zu leben und mehr Möglichkeiten zum Surfen zu haben.
Frankreich war Zufall, weil ich dort irgendwann mal eine Saison gearbeitet hatte und daher die Gegend und gefühlt drei Menschen flüchtig kannte.
Wenn ich dann entgegne, dass es nicht unbedingt mit Mut zu tun hat und dass vielen Personen diese Möglichkeit offenstünde, ernte ich meist schmunzelnde Blicke. Jaja, ich mit meinem Freiheits-Mindset, dem Van und als Freelancerin – da ist es ja auch einfacher, die Zelte einfach mal abzubrechen.
Falsch.
Einfach ist erst mal gar nichts – auch nicht für mich. Wenn man mit der Erwartung geht, dass das Leben dann einfacher würde und die Probleme des Alltags verschwinden, dann kommt die Motivation aus den falschen Erwartungen (die auch garantiert enttäuscht werden).
Lebensstil-Veränderung
Es geht um eine Änderung des Ortes und/oder des Lebensstils dahingehend, dass er besser zum eigenen Wesen und den Bedürfnissen passt – nicht darum, zu beweisen, wer den meisten Mut hat.
Ich war schließlich auch nicht von Anfang an Freelancerin. Und ich habe auch anfangs kein gutes Französisch gesprochen, mal abgesehen davon, dass ich vorher eher Autos der Größenordnung „Golf“ durch die Gegend gefahren habe und keine Transporter.
Aber zurück zur Möglichkeit. Natürlich gibt es Grenzen, manche sind von außen bestimmt, aber viele setzen wir uns auch innen drin – im Kopf. Und nur weil ich das so locker-flockig wie von einem Abreißkalender geklaut schreibe, heißt es nicht, dass diese Grenzen weniger schwer zu überwinden wären. Ich weiß es zu gut.
Aber es ist möglich. Vielleicht ist dieses Verschieben von Grenzen – von dem, wovon wir denken, dass es nicht möglich ist – eher das, was manche als Mut bezeichnen.
Ich will nicht sagen, dass es gar keinen Mut braucht, aber der Mut ist eben ein anderer als der, den man braucht, um vom 10-Meter-Turm zu springen (nicht, dass ich das jemals gemacht hätte).
Ich würde es eher als „wirklich wollen“ in Kombination mit Durchhaltevermögen bezeichnen. Viel Durchhaltevermögen, um genau zu sein.
Die eigenen Limits bestimmen, wie viel unmöglich bleibt
Heute weiß ich eines: Es ist möglich – was auch immer „es“ für jeden individuell bedeutet. Ich beziehe mich hier natürlich vor allem aufs Reisen, längerfristige Ortswechsel, Vanlife und alternative Arbeitsmodelle.
Woher ich das weiß? Weil ich es gesehen habe. Mehrfach.
Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen, Menschen mit und ohne Familie, Menschen, die alles verkauft haben und seit Jahren im Camper leben und reisen, Menschen, die für ein paar Monate unterwegs sind. Menschen mit viel Geld, Menschen mit wenig. Menschen, die für lange Zeit bleiben und Menschen, die merken, dass es ihnen zu Hause doch besser gefallen hat.
Und Surprise: Man kann auch wieder zurück!
Menschen mit Remote-Jobs, Menschen, die ihren eigentlichen Job weitermachen – nur eben in einer anderen Sprache –, Menschen ohne Job, Menschen im Sabbatical, pensionierte Menschen, junge Menschen, ältere Menschen, Menschen mit konkreten Plänen, Menschen ohne Pläne, aber mit Wanderlust. Menschen im kleinen VW-Bus, Menschen in überdimensionalen Caravans, Menschen mit Fahrrad und Zelt oder zu Fuß und ohne Zelt.
Ich habe mit vielen von ihnen gesprochen, und eines weiß ich sicher: Für niemanden von diesen Personen war es immer nur einfach – aber sie haben es möglich gemacht und etwas verändert.
Die Frage ist also nicht, ob es möglich ist und ob jemand mutig genug ist, sondern: Welche Grenzen müssen verschoben werden, damit es möglich wird – und (fast noch wichtiger) was ist man bereit, dafür zu geben?
Haiaia, schon wieder so deep!
Enjoy
Tina
