Es ist einer dieser Schock-Momente: Man geht gedankenversunken über den Bürgersteig, wird abgelenkt und kann im letzten Moment noch ausweichen, bevor der Kopf gegen einen Pfahl (Schild, Laterne) kracht.
Schneller ist man selten wieder in der Realität. Mein Puls rast. Kurz schaue ich mich verstohlen um, ob ich vielleicht als die nächste Lachnummer auf TikTok ende. Wahrscheinlich hat es sich aber auch dramatischer angefühlt, als es eigentlich war, und reicht lange nicht für Social-Media-Aufmerksamkeit.
Nachdem der Schock überwunden ist, gehe ich weiter – aber als ich mich daran erinnere, warum ich so abgelenkt war (das Smartphone war nicht schuld), drehe ich mich trotzdem noch mal um.
Ich habe mich nicht getäuscht: Mein Blick verfolgt fasziniert den großen, schwarzen Kombi, denn er transportiert etwas auf seinem Dachgepäckträger, dem ich nicht widerstehen kann.
Jaaaa, natürlich, es ist ein Surf-Board.
Allerdings ist es in einer schicken geringelten Surfboard-Socke eingepackt. Meine Güte, dieser Anblick! In Berlin-MITTE!
Zugegeben, die Situation ist etwas absurd: Ein schwarzer, auf Hochglanz polierter Kombi passt zwar in diese Gegend, aber eher nicht mit Board oben drauf.
Es ist nicht das Auto, das ich in dieser Situation vermutet hätte, aber da ich diese Situation in Berlin sowieso gar nicht vermutet hätte, nehme ich, was ich kriegen kann.
Den von der Sonne verblassten Auto-Lack, ein paar Kratzer, ein heruntergekurbeltes Fenster und etwas Reggae kann ich mir ja dazu denken. Ein paar Palmen wären auch nicht verkehrt. Scheiße, wahrscheinlich geht der Fahrzeug-Kofferraum auch noch automatisch auf. Egal.
Unmittelbar schweifen meine Gedanken ab: Wo will es hin? Wie weit wird sein Weg? Wo kommt es möglicherweise sogar her?
Vielleicht kommt es frisch von der südfranzösischen Küste, vielleicht aus Dänemark, aber auch Sylt oder sogar München sind ja denkbar.
Ich bin direkt elektrisiert.
Als ich vor vier Monaten wieder nach Deutschland kam, dachte ich, ich bin erstmal cool damit, nicht mehr surfen zu können.
Und alles war eine Zeit lang auch wirklich super easy. Ich dachte, wenn das Bedürfnis wieder zurückkommt, dann ganz langsam und friedlich, sodass ich mich in Ruhe darauf einstellen – und eventuelle Vorkehrungen à la Surf-Trip treffen kann.
Und dann kam es, wie ich es niemals vermutet hätte: Ich wachte einfach eines Morgens auf und konnte an nichts anderes mehr denken als ans Surfen.
Schnell war auch klar, dass es nicht nur ums Surfen ging, denn das hätte ich mit einem (teuren) Aufenthalt im Münchner Wavepool irgendwie abfangen können.
Es ging um Meer. Ums Salzwasser. Um Wind und Wellen. Um Sand. Um das Gefühl. In dem Moment hätte es mir gereicht, einfach nur rauszupaddeln und etwas im Meer sitzen zu können. Und glaubt mir eines: Ich bin ansonsten nicht sonderlich meer-affin und liege auch nicht gerne im Sand rum.
In dem Moment wusste ich, dass ich etwas sehr Wertvolles habe, weil es wirklich wenig gibt, das ich so sehr vermissen kann.
Es gibt viele Hobbys, die ich liebe, und von denen ich denke: „Würde ich gerne mal wieder machen.“ Aber Surfen und der ganze Lebensstil, der damit zusammenhängt, sind für immer in mich übergegangen.
I just love it.
So sehr, dass ich – wenn gerade kein Auto mit Board oben drauf rumfährt – die Vans in Berlins Straßen inspiziere.Sie erzählen wie bewegliche Statuen die Geschichten, die man gerade in der Großstadt vermisst. Von einem Leben, das mich inspiriert: Vom Meer, von der Freiheit, von Abenteuer und Natur.
Gut, eventuell auch von all den Dingen, die Instagram uns verschweigt: Pannen, anstrengende Fahrten, Einsamkeit. Und ungefähr tausend andere Probleme.
Und trotzdem:
Sehnsuchtsvoll beobachte ich das Auto, wie es um die Kurve biegt. Am liebsten wäre ich hinterhergelaufen. Das wiederum hätte in all seiner Abnormalität und Verrücktheit deutlich zu Berlin gepasst.
Enjoy
Tina
