Was sich anhört wie die Abenteuer-Beschreibung eines kleinen Kindes, hat mich etwas mehr aus der Bahn geworfen, als gedacht.
Vielleicht, weil ich länger nicht hingefallen bin. Vielleicht, weil es echt auch echt wehtat. Vielleicht aber auch, weil sich Hinfallen im Ausland als Alleinreisende irgendwie angsteinflößender anfühlt, als zuhause in Deutschland in gewohnter Umgebung. Was auch immer die gewohnte Umgebung ist.
Im Moment des Geschehens fühlte ich mich unglaublich allein und hilflos, um im nächsten Moment zu merken, dass ich es nicht bin. Denn als ich da auf dem Kopfsteinpflaster im portigiesischen Küstenstädtchen Ericeira saß und noch gar nicht realisiert hatte, was passiert war, hielt schon ein Auto. „Tudo bem?“, fragt die Frau – „Alles OK?“. Ich nicke, obwohl ich mir da nicht so ganz sicher bin.
Es ist vor allem der Kopf, der alle möglichen Horrorszenarien abspielt: „So eine Scheiße, hoffentlich ist nix gebrochen“, denke ich, denn ich bin nicht zu knapp umgeknickt und auf die Knie geflogen. Ich rappele mich auf und laufe langsam nach Hause, das geht immerhin ohne größere Schmerzen.
Zwangspause auf Reisen
Als ich am nächsten Tag eher aus Vorsicht eine Praxis aufsuche und die Krankenschwester mich abtastet, sagt sie „You’re fine, but you have to take it slow.“
Als ich diese Worte höre, kann ich die Tränen gerade nochmal wegdrücken. Denn ich spüre, dass es genau das ist, was ich brauche: Mal eine Pause.
Denn obwohl ich weiß, dass Unterwegssein, Routen planen, Campingplätze suchen, Forecasts checken, Wellen suchen, Essen organisieren, Alleinsein bewältigen, arbeiten und die ständig wechselnden Umgebungen Zeit und Nerven fressen und ich deshalb genügend Pausen und Routine-Tage einbauen muss, habe ich mich nicht daran gehalten.
Und wenn man sich nicht selbst darum kümmert, dreht man irgendwann ab (oder fällt hin).
Deshalb gehe ich nach dem Arztbesuch erstmal frühstücken – etwas, das ich mir nicht oft (genug) gönne. Danach verlängere ich den Campingplatz um ein paar Nächte (auch etwas, das ich nicht oft mache), gehe heiß duschen und setze mich in Ruhe an meine Arbeit. Es geht mir schon besser, ich merke, dass ich evtl. nicht nur körperlich etwas „hinfällig“ war.
Moment mal: Übers Innehalten und Dankbarsein
Das Krasse: Ich erinnere mich noch genau daran, was mir durch den Kopf ging, kurz bevor ich den Bordstein übersah: Wie unglaublich es ist, dass diese Reise möglich ist, wie toll Ericeira ist – und dass ich trotz der Anstrengungen auch wunderschöne Momente erleben darf.
Im nächsten Moment lag ich da.
Deshalb folgt dem Sturz noch eine bahnbrechende Erkenntnis: Es kann alles ganz schnell auch wieder anders sein.
Deshalb ist es wohl so wichtig, Dinge jetzt zu tun (und nicht erst irgendwann), auch kleine Momente zu wertschätzen und auch mal anzuhalten, sich umzuschauen und dankbar für das zu sein, was gerade da ist. Zusätzlich empfehle ich eine gute Auslands-Krankenversicherung 😉
Heute mache ich „Pause“ – was eher heißt, dass ich mal einen Tag mir selbst widme und Routine einkehren lasse. Ich nehme mir vor, öfter mal inne zu halten und mir die Frage „Tudo bem“? nicht nur häufiger mal selbst zu stellen, sondern auch ehrlich zu beantworten.
Wenn man hinfällt, ist eines wichtig: wieder aufzustehen. Das mache ich, und gehe (bzw. fahre) – langsam und vielleicht etwas bewusster – weiter.
Ich stecke fest. Im wahrsten Sinne des Wortes. Also, fast.
Ich habe den Fehler gemacht und Google Maps auf dem Weg zum Surfspot blind vertraut. Ich muss zugeben, die Strecke kam mir eh schon mehr als komisch vor – aber ich wollte ja unbedingt schnell zu den Wellen – und fuhr wie eine Wahnsinnige durch die kurvenreiche Bergstraße.
Der Spot versteckte sich gut und dann bog ich in meinem Wahn auch nochmal eigenständig falsch auf eine kleine Nebenstraße ab …
Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Verzweifelt navigiere meinen Van durch die engen Gassen eines kleinen galizischen Bergdorfes – und zum ersten Mal habe ich wirklich Angst, stecken zu bleiben. Ich muss mehrfach zurücksetzen, damit ich die Kurven kriege.
Als ich nach einer gefühlten Ewigkeit die Ausweg-Gasse finde, die auf die normale Straße zurückführt, graut es mir. Erster Gedanke: Schon ganz schön eng.
Und was hilft in solchen Situationen? Nennen wir es „angepasste“ Rationalität!
1. Straßen wurden für Autos gebaut (bei dieser sind wir uns zwar nicht ganz sicher, aber egal). 2. Es gibt Standards dafür, wie breit die Straßen sein müssen, damit ein Auto durchpasst (genau! In the Middle of Nowhere im spanischen Bergdorf vor allem). 3. Petit Bleu (der Van) ist ein normales Auto (was auch nicht ganz stimmt, aber wann sollte man sich selbst belügen dürfen, wenn nicht in solchen Situationen?). 4. Es stehen noch andere Autos in den Einfahrten, also muss es möglich sein (leider keine Vans, sondern eher Twingos, aber auch hier: egal).
Schlussfolgerung nach rationaler Auswertung und mehrfacher Begutachtung des Aus-Weges: Das passt.
Ich atme durch, gebe Gas und hoffe das Beste. Ich merke, wie Büsche und Lianen (Lianen, ganz typisch für spanische Bergdörfer …) den Van von allen Seiten streifen und wie ich mich intuitiv ducke … Mein armes Auto! OMG!
Ratsch hier, ratsch da … es ist knapp, aber es passt. Als ich wieder auf der normalen Straße bin, weiß ich selbst nicht, ob ich lachen oder weinen oder erstmal anhalten soll. Letzteres wäre wahrscheinlich sinnvoll.
In oder auch nach solchen Situationen kommt manchmal ein Moment, der sich anfühlt, als würde ich kurz „zur Besinnung“ kommen und die Absurdität des Moments in vollen Zügen realisieren.
Dann ergibt alles (in diesem Fall die Reise) absolut keinen und gleichzeitig den größten Sinn. Am Ende sind diese Situationen am ehesten mit Humor zu ertragen. Also fange ich laut an zu lachen.
Ich fahre weiter, erleichtert, dass Petit Bleu anscheinend keine größeren Schäden davongetragen hat und ich dem Bergdorf entflohen bin. Beobachter:innen hätten es wahrscheinlich als weitaus weniger dramatisch eingestuft.
Als ich mich wieder gefangen habe fällt mir wieder ein, was das Ziel der ganzen Aktion war: Wellen! Das Universium hat also ziemlich effektiv geregelt, dass meine Aufmerksamkeit von meinem „ich muss jetzt sofort zum Surf-Spot“ wieder auf die Straße und die Umgebung um mich herum gelenkt wird. Gutes Universum.
Die Wellen sind anschließend nicht die besten, aber ich bin einfach glücklich darüber, überhaupt im Wasser zu sein. Und Steckenbleiben ist zum Glück eines der wenigen Probleme, die im Atlantik eher nicht zu erwarten sind 😉
Es ist ein Samstag und schon Mittagszeit, als ich mit meinem Van irgendwo im portugiesischen Inland auf Höhe der Küstenstadt Figuera da Foz rumgurke.
Nervlich bin ich irgendwo zwischen nervöser Unruhe und Erschöpfung, denn ich sitze seit Stunden im Auto. Ein Sturm zieht auf und ich will einfach irgendwo ankommen – was manchmal gar nicht so einfach ist (auch generell im Leben).
Nachdem ich bereits zwei große, aber für meinen Geschmack auch zu verlassene Campingplätze hinter mir gelassen habe, entdecke ich einen in meiner App, der vom ersten Eindruck her das beste Bauchgefühl auslöst. Meine Intuition sagt: Fahr hin.
Und dann meldet sich die Logik und verscheucht (wie so oft) das Bauchgefühl: Denn laut App wird dort ein Mindestaufenthalt von drei Nächten gefordert und außerdem liegt der Platz nicht direkt an der Küste. Ich will nur eine Nacht bleiben und am liebsten am Meer sein (was bei einem aufkommenden Sturm wirklich gar keinen Sinn ergibt, aber gut). Also weiter, gegen das Bauchgefühl.
Echtzeit-Problem
Schließlich steuere ich meine einzige Alternative an: Ein verhältnismäßig teurer Platz mit gemischten Bewertungen – dafür aber direkt am Atlanktik.
Bereits auf dem Weg dahin kommen mir erste Zweifel: Neben einem Industriehafen gelegen, vermittelt die Gegend nicht unbedingt das Gefühl von Sicherheit und angenehmen Beach-Life, vor allem nicht mit einer Sturm-Warnung im Rücken.
Ich checke trotz des unguten Gefühls ein und bereue meine Entscheidung quasi sofort: Mit jeder Scheibenwischerbewegung offenbart sich ein exponierter Beton-Platz durch die verregnete Windschutzscheibe, und meine Befürchtungen werden mit jedem gefahrenen Meter quasi in Echtzeit zum Problem.
Ungläubig schleiche ich über den grauen, trostlosen Platz, auf dem bestimmt 80 % der Parzellen leer stehen. Es gibt keine Bäume, keinen Windschutz, nichts. Ich parke erstmal irgendwo und kämpfe mich durch Wind und Regen zum Kofferraum (dramatische Beschreibung für maximal drei Meter Fußweg, ich weiß). Dabei weht mir zusätzlich der Geruch von Abwasser in die Nase …
Zurück im Auto sitze ich wie versteinert da. Ich bin so in meiner „Was zur …-Trance“, dass ich fast erschrecke als mein Telefon klingelt: Der Besitzer von einem der anderen Campingplätze schreibt. Es gäbe eine Sturmwarnung, ich solle vorsichtig sein. Guter Mensch.
Die Suchmaschine hat sich zusätzlich etwas ganz Spektakuläres einfallen lassen: Ein bedrohlich wirkendes Wirbel-Zeichen, dass auch gut das Blatt einer Kettensäge darstellen könnte, strahlt mich in leuchtendem Rot an. Darunter steht: „Tropischer Sturm über dem atlantischen Ozean“.
Ja, geil – genauso hatte ich mir das vorgestellt. Von wegen, der Traum der ewigen Vanlife-Freiheit. Am Arsch. Ich will nach Hause, und zwar bitte recht zügig.
Während andere zuhause den Samstagnachmittag genießen, vielleicht einen Kaffee trinken und etwas mit Freund:innen unternehmen, sitze ich mit meinem mein Lidl-Brötchen bei Sprühregen irgendwo in Portugal auf einem trostlosen Camping-Platz, mutterseelenallein.
Dazu lese ich später ich in „Der alte Patagonien-Express“ von Paul Theroux eine Stelle, die meine Gedanken in diesem Moment exakt beschreibt:
An solchen Tagen frage ich mich, warum ich das alles auf mich nehme und Ordnung und Freunde gegen Unordnung und Fremde eintausche. Ich habe Heimweh und fühle mich für meine selbstsichere Reise gestraft. […] Worin bestand eigentlich der Sinn dieser Reise, abgesehen davon, dass ich zu unruhig gewesen war, an meinem Schreibtisch sitzen zu bleiben und noch einen Winter zu ertragen?
Ja, warum?
Mir fällt auf, dass diese Frage ausschließlich dann aufkommt, wenn etwas nicht so läuft wie geplant (was auf dieser Reise ca. alle zwei Tage der Fall ist).
In diesem Moment finde ich keine Antwort – aber ich weiß, dass der von Theroux erwähnte Grund, den deutschen Winter (noch) nicht ertragen zu müssen, ein ziemlich guter, und für den Moment auch völlig ausreichend ist.
Die Intuition weiß es (besser)
Glücklicherweise erinnere ich mich recht schnell daran, was zu tun ist, wenn man das Gefühl hat, die Situation wird nicht mehr tragbar: Man folgt seiner Intuition und ändert, was möglich ist.
Also folge ich meinem anfänglichen Bauchgefühl und fahre den anderen Campingplatz an – gerne bereit, die angegebenen drei Nächte Mindestaufenthalt in Kauf zu nehmen.
Und dann, keine 20 Minuten später, geht vor mir die Büchse – bzw. wohl eher das Tor zur Pandora auf: Ein wunderschön grüner Campingplatz empfängt mich mit riesen Stellplätzen, netten Leuten und sogar einem Raum zum Arbeiten! Statt Industriegebiet riecht es nach Blumen und Geborgenheit.
Der Sturm bleibt nicht aus, fällt aber – geschützt von diversen Büschen – milder aus, als gedacht. Ich habe keine Angst. Am nächsten Morgen scheint die Sonne – und macht den Platz nochmal schöner und grüner.
Diese Geschichte zeigt: Selbst ich kann noch Heimweh bekommen 😉 Meine Intuition und innere Stimme haben sich nicht nur ein Mal als sehr wertvolle Hilfsmittel dafür entpuppt, dass ich mich wohl und sicher fühle. Sie wahrzunehmen ist das Eine – dann aber auch auf sie zu hören und vor allem ihr zu folgen ist trotzdem nicht immer die leichteste Übung.
Ich bin sehr dankbar, dass ich mich in dieser Situation auf mich selbst verlassen konnte. Solche Momente zeigen mir, was ich wirklich brauche.
Kleiner Fun Fact zum Ende: Der Mindestaufenthalt von drei Nächten (der mich ursprünglich auch von der Buchung abgehalten hatte) galt in der Nebensaison gar nicht – und ich blieb schließlich sogar freiwillig vier Nächte 😀
Atemlos sitze ich im Line-up. „Scheiße, man“, geht mir wirklich als erstes durch den Kopf. Meine Arme brennen, mein Mund schmeckt nach Salzwasser, mein Rachen brennt. Meine Kondition ist offensichtlich jenseits von Gut und Böse. Die Leash (das Ding, womit das Board an meinem Knöchel verbunden ist) hat in den vergangenen Waschgängen so an meinem Fuß gezerrt, dass die Haut dort rot wird und brennt.
Offensichtlich fehlt es mir an Kondition. Deshalb kriege ich jetzt schon nach 15 Minuten Paddel-Action keine Luft mehr und frage mich, was ich hier eigentlich mache. Im saukalten Ozean. Mit einem Brett. In einem Anzug. Die erste der Fragen kommt mir zugegeben öfter. Wahrscheinlich stellt man sie sich generell im Leben das ein oder andere Mal. Die Antwort ist mal mehr, mal weniger einfach.
Immerhin: Auf meinem Weg ins Wasser habe ich mich nicht von der durch die anrollenden Monster-Wellen aufkommenden Panik überwältigen lassen, sondern brav abgewartet.
Timing entscheidet: Wellen kommen in Sets, also immer ein paar hintereinander, dann ist kurz Pause. Und dann paddelt man besser los, sofern man irgendwann weiter hinten ankommen will.
Adrenalin ist notwendig, damit der Körper „performt“. Panik entzieht die Energie, die ich für diese Performance brauche. Adrenalin für den Moment okay, Panik nicht. Immerhin das kann ich mittlerweile – wenn auch eher grob.
Jetzt ist alles ruhig. Ich sitze in der „Sicherheitszone“. Fast entspannt, wie auf einem riesengroßen dunkelblauen fliegenden Teppich. Die Wellen bauen sich auf und wiegen mich auf meinem Board hin und her. Hinter mir höre ich sie donnernd brechen, denn sie sind heute größer als meine Komfortzone.
Nun könnte man sich fragen, warum ich überhaupt erst rausgepaddelt bin. Warum ich nicht nach der dritten Wellen-Waschmaschine eingesehen habe, dass heute vielleicht nicht der Tag ist, um sich seinen Ängsten zu stellen und persönliche Grenzen zu verschieben.
Die Antwort ist bei mir einfach: Wenn ich danach gehe, wann der richtige Tag ist, mache ich es nie. Das gilt für die Steuererklärung oder Zahnarzt-Termine genauso wie für größere Wellen. Um mit der Angst leben zu können, muss ich mich daran gewöhnen. Deshalb sitze ich hier. Den Kalenderspruch “You can’t stop the waves but you can learn to surf”, erspare ich uns an dieser Stelle.
„Es wird besser werden“, rede ich mir gut zu. In diesem Moment muss ich an meine Steuererklärung denken, die ich seit Jahren auf den letzten Drücker erledige (und jedes Jahr artet es in einer Katastrophe aus) – und muss kurz lachen. An manches gewöhnt man sich vielleicht doch nie.
Also bleibe ich erstmal sitzen. Beobachte. Fokus auf den Moment und so.
Und Surprise: Desto länger ich da so rumsitze und medium-professionell von links nach rechts paddele (immer schön dort, wo keine Welle bricht), desto mehr gewöhne ich mich an die Situation.
Natürlich bleibt die Angst, es könnte jeden Moment eine Monster-Welle aus dem Nichts auftauchen und über mir zusammenbrechen (es wäre nicht das erste Mal). Schließlich sitze ich in einem Ozean, einer letztlich wenig kontrollierbaren Naturgewalt. Aber in diesem Moment bleibt mir nichts anderes übrig, als darauf zu vertrauen, dass ich die Monster-Welle früh genug bemerken würde oder dass – falls es passiert – ich mit der Situation umgehen kann (stellt euch an dieser Stelle gerne ein leichtes ironisches Schmunzeln vor).
Irgendwann wird mir allerdings eine Sache klar (Achtung, jetzt passiert ganz große Logik): Wenn ich jemals wieder wieder zurück an den Strand will, brauche ich dazu wohl eine Welle.
Also paddele Richtung der sich aufbauenden Wasserwand …
Die ersten beiden Male kneife ich und ziehe mein Board im letzten Moment zurück. Der Schaum klatscht mir ins Gesicht: Feigling!
Die dritte Welle paddele ich an, nehme Fahrt auf, schaffe es in die Welle und stehe auf. Ich freue mich – leider etwas zu früh – denn ich drehe das Board nicht rechtzeitig zur Seite um die Welle abzureiten, der Schaum der brechenden Welle bringt mich ins wanken, und ich falle in die kalte Waschmaschine.
Eine Welle nach der anderen spült mich näher an den Strand, ich verliere das Gefühl für oben und unten, und mir bleibt nicht viel übrig als meinen Kopf zu schützen und das Beste zu hoffen. Wie war das nochmal? Hier, dings … bloß keine Panik.
Als ich mich aus dem Wasser schleppe, bin ich mittel-enttäuscht, aber glücklich (das ist das fiese am Surfen, es bringt einen an den Rande des emotionalen Wahnsinns und man paddelt doch wieder raus …).
Fast könnte man meinen, ich will einen Anti-Surf-Beitrag schreiben, aber das ist natürlich überhaupt nicht das Ziel. Das Ziel ist, zu zeigen, worum es beim Surfen (auch) geht:
Um Timing, Geduld, und Durchhaltevermögen. Es geht darum, mit Ängsten umzugehen und Panik zu kontrollieren. Deshalb ist Surfen auch ein extremer Sport, nicht nur körperlich.
Und was ist jetzt mit den unbeschreiblichen Glücksmomenten, wenn alles stimmt, und die softe Baby-Welle mich bei bestem Wetter bis an den Strand trägt, mit fröhlicher, hawaiianischer Musik im Hintergrund? Die gibt’s natürlich auch. Sie sind theoretisch das Ergebnis von Timing, Ruhe bewahren, sich selbst motivieren und der nötigen Fitness. Mit Theorie hat es der südfranzösische Atlantik nur leider nicht so.
Für mich ist Surfen eine der besten Sportarten, die mich auf körperlicher, emotionaler und psychischer Ebene immer und immer wieder herausfordern und stärken.
Galizien. Fast kann ich es nicht glauben: Eben noch musste ich wegen dem Sprühregen in Nordspanien den Scheibenwischer auf die höchste Stufe stellen und langsamer fahren, und im nächsten Moment (OK zugegeben, es liegen 4 Stunden Fahrt hinter mir) komme ich auf einem Parkplatz mit direktem Blick aufs Meer an – bei strahlendem Sonnenschein und mit dem Campingplatz gleich nebenan. Als wäre nix gewesen.
Vorfreude steigt in mir auf, aber nicht nur wegen der Aussicht: Ich sehne ich mich nach einer warmen Dusche. Überhaupt eine Dusche wäre gut.
Warum ich länger keine hatte? Ich wollte cool sein wie die anderen großen Vans, und habe das Wochenende auf einem normalen Parkplatz verbracht – mit Trenntoilette und ohne Strom oder Privatsphäre. Im Meer baden fiel wegen der Kälte aus, das hätte auch kein Winter-Wetsuit der Welt geändert. Also fetteten meine Haare vor sich hin.
Als sich schließlich noch Starkregen und Gewitter über dem sonst so schönen Oyambre Beach breitmachten und sich der Parkplatz in eine Matsch-Hölle verwandelte, fand ich Cool-Sein plötzlich doch nicht mehr so wichtig, und fuhr durch die schwarzen nordspanischen Wolken-Regenwände Richtung Galizien.
Nachdem die ersten Starkregen-Schübe überstanden waren, wurde das Wetter mit jedem Kilometer Richtung Westküste schöner. Als würde sich nach und nach eine goldene Tür auftun. Das erinnert mich daran, dass man die Türen manchmal eben selbst öffnen muss, damit sich was ändert. Oder sich zumindest mal leicht dagegen lehnen und schauen, ob sich was tut.
Nach der Surf-Spot-Inspektion genieße ich die Campingplatz-Annehmlichkeiten: Mal wieder richtig abspülen und mich wieder „auffällig“ installieren. Stühle raus. Tisch decken. Routine entwickeln – vor allem eine mit Körperpflege.
Freudig dackele ich also mit meiner DM-Tüte (aka der ultimative Dusch-Kulturbeutel) Richtung Duschhaus. In der Kabine drücke ich den Knopf, warte die erste kalte Ladung Wasser ab … und drücke nochmal. Gedulde mich. Fühle vorsichtig mit der Hand …
Drücke nochmal. Fühle nochmal. Leichter Temperatur-Anstieg? Eher Wärme-Fata Morgana. Nochmal drücken … Die kalten Strahlen lassen die Halluzination verschwinden, und mit jedem Zentimeter neuer Gänsehaut festigt sich die Einsicht: Warm wird hier heute gar nichts mehr.
Eine halbe Minute später ist das Spa-Erlebnis vorbei, und mein Körper eine seltsame Mischung aus durchgefroren, sauber und aktiviertem Kreislauf. Das muss das Geheimnis der Kaltduscher:innen und Eisbader:innen sein.
Der Föhn muss schließlich ausgleichen, was die Dusche nicht halten konnte – Grüße gehen raus an den funktionierenden Stromanschluss.
Anschließend bin ich trotzdem zufrieden. Wahrscheinlich, weil ich auf Reisen meist glücklich bin. Vielleicht auch, weil ich weiß, dass die Duschen irgendwann wieder wärmer werden. Ganz sicher aber, weil ich weiß, dass ich richtig bin, dort, wo ich bin: Das Gefühl im Bauch zu haben, schlägt jede warme Dusche (gewagtes Statement, ich weiß :D).
Auf nach Galícia!
Galizien selbst hat mich komplett überrascht: Wunderschön, wild, mit Steilklippen, sattgrünen Wiesen und guten Surf-Spots! Ende September für Frostbeulen wie mich vielleicht schon an der Grenze, aber definitiv machbar – sofern die Dusche warm wird 😉
Eine leichte Brise streicht durch die Pinien und transportiert dessen unverwechselbaren Duft in meine Nase. Ich atme tief ein. In meinem Kopf erscheinen Bilder.
Bilder von lauen Spätnachmittagen, an denen ich, verschwitzt, klebend, voller Sand und glücklich auf meinem Beach-Fahrrad nach Hause zur Surf-Lodge fahre. Mein Surfboard liegt nach getaner Arbeit neben mir auf den Racks. Es ist ruhig, ich höre wie die Räder die trockenen Pinienhalme knackend überfahren. Schwerfällig und glücklich trete ich in die Pedalen, wärend die Abendsonne mein Gesicht wärmt, in dem Zink-Reste kleben. Der Fahrtwind kühlt genau richtig und hält mir die Haare aus dem Gesicht.
Der einmalige und unverwechselbare Duft aus Pinien, Sonnencreme und Meersalz hat sich für immer in meinen Kopf eingebrannt und ist mit dem wohligen Gefühl von Glück und Zufriedenheit in diesem Moment verbunden.
Als mich die ersten Regentropfen treffen und mich in die Realität zurückholen – in der es fast noch Winter und der Himmel grau ist – schleicht sich eine Mischung aus Gefühlen in mir hoch, die ich nicht anders beschreiben kann als Heimweh. Nur eben nach Sommer, anstatt nach einem Ort.
Sommer-weh.
Eingefrorener Surfer-Lifestyle
Mir fehlt die wohlige Wärme der Abend-Sonne, dessen Kraft die Duftnoten „Pinie“, „Sonnencreme“ und „Meersalz“ erst so richtig entfalten kann. Wie ein Parfum, dass erst auf der Haut so richtig zur Geltung kommt.
Mir fehlen die Surf-Sessions in soften Sommer-Wellen, in denen man im Wetsuit an zu schwitzen fängt.
Es fehlt mir, dass das Leben nach den Gezeiten (und damit den besten Wellen) getaktet wird, immer mit diesem kleinen Angstgefühl im Bauch, man könnte ein Meeting ausgerechnet in das beste Zeitfenster zum Surfen gelegt haben. (würde ich ein Meeting unter falschem Vorwand für die Wellen verschieben? Niemals! …)
Dann fehlt mir das zufriedene Gefühl, völlig ausgepauert nach einer guten Surf-Session nach Hause zu fahren, in dem Bewusstsein, für die nächsten Tage alle meine Muskeln bis ins Detail zu spüren (jaja, ich weiß, mit der richtigen Ausrüstung surft man auch im Winter gut, interessiert hier aber gerade niemanden …).
Mir fehlt es, Barfuß zu laufen, auch wenn der heiße Sand mir nicht nur einmal die Füße weg gebrannt hat (Pro-Tipp: Socken).
Mir fehlt es, abends bei lauer Brise am Strand zu sitzen. Mir fehlt es, spektakuläre Sonnenuntergänge zu beobachten, bei denen die Temperatur zu dem passt, was der Himmel verspricht.
Mir fehlt es, dass alles etwas langsamer geht, und irgendwie aber doch mehr los ist, dass alle irgendwie alles etwas lockerer nehmen und etwas umsichtiger sind (weil Sonne und besser drauf und so).
Hier im kleinen französischen Dorf, fehlt mir sogar ab und an der Sommer-Touri-Troubel (erinnert mich im Sommer nochmal dran). Es fehlt mir, die verschiedenen Vans in allen möglichen Ausführungen zu beobachten und die Surf-Anfänger:innen den Zauber der ersten Wellen feiern zu sehen (bis sie mir dann im Wasser die Vorfahrt nehmen und mich überfahren).
Als der kalte Wind erneut durch die Pinien und scharf durch mein Gesicht zieht, lautet mein Fazit: Mein zuckersüßer Surfer-Life-Style passt einfach nicht gut zum Winter. Und ich auch nicht.
„Bald“
Ich atme nochmal tief ein und merke: Es reicht. Es war genug Winter. Es war kalt und ruhig genug. Ich hab genug genölt. Es ist Zeit für Sonne und Meer und Aktivität. Surfen, in meinem Fall.
Wie früher, als ich klein war und Heimweh bekam, sagte man mir: „Es dauert nicht mehr lange“, oder „bald bist du wieder zuhause“. So richtig habe ich das nie geglaubt.
So richtig glaube ich es auch jetzt nicht, schließlich sind wir im April, es sind maximal 13 Grad und die letzten zwei Tage hat es aus Kübeln geschüttet.
Aber, ich bin geduldig. Als die Tropfen mehr und größer werden, spanne ich den Schirm auf, und denke: „Immerhin, der Himmel hat auch Sommerweh“, und damit gebe ich mich zufrieden.
Enjoy
Tina
Tina etwas Gutes tun
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Es war eine unruhige Nacht. Etwas benommen krabbele ich in voller Montur, Daunenjacke und etwas zu tief im Gesicht hängender Mütze aus meinem Van.
Am Abend zuvor bin ich auf einem Campingplatz kurz vor der spanischen Küstenstadt Huelva gestrandet. Vielleicht ist „gestrandet“ etwas übertrieben, aber ganz geplant war der Stopp nicht. Zumindest hätte ich vor 24 Stunden noch nicht damit gerechnet, hier zu landen. Aber was war auf dieser Reise (all meinen Reisen …) schon geplant.
Spanischer Reise-Traum mit Hindernissen
Eigentlich sollte es ein spanischer Traum werden, mein Roadtrip (Einsatz: Kastanietten-Geklacker). Und das war es zum größten Teil auch. Mein Herz geht auf, wenn ich an die zwei Wochen im schnuckeligen Conil de la Frontera denke, die ich bei einer guten Freundin (Liebe geht raus an Sarah, no puedo más!) verbrachte. Gemeinsame Surf-Sessions und Film-Abende prägten die Zeit.
Trotzdem blieb, nachdem ich alleine weiterreiste, das Gefühl, sich auf dem richtigen Weg zu befinden, „richtig“ zu sein, am Ende aus.
Warum, unklar. Rückblickend würde ich sagen: Mir fehlte Leichtigkeit – und das ausgerechnet in einem Land, das für seinen entspannten Vibe und seine Lebenslust bekannt ist (Einsatz: Temperamentvolle Gitarrensounds). Ich wollte es so sehr fühlen, dass ich umso verwirrter zurückblieb, als das Gefühl nicht kam.
Tarifa: Traumziel für (Wind)Surfer:innen und Van-Life blieb ein Traum
Mein erstes Ziel nach dem Besuch bei meiner Freundin: Tarifa, eine für Windsurfing und Van-Life bekannte Stadt im südlichen Zipfel Spaniens. Von einigen gelobt und empfohlen, quasi zum Hängenbleiben prädestiniert (und ein echtes Natur- und Windsurfingparadies!), konnte ich nicht viel damit anfangen.
Ich genoss einen Tag in der unglaublichen Natur, die sich um die Stadt herum zieht (Nationalparks mit wahlweise Gebirge, Wäldern und Blick auf den Atlantik), wurde aber mit dem Ort selbst nicht warm. Das kann passieren, ich hatte das schon oft auf Reisen und kann mit solchen Situationen eigentlich umgehen. Doch in dem Moment überforderte es mich.
Richtungswechsel: Mit dem Van Richtung Portugal
Eines Nachmittags kam mir der Gedanke, einfach weiterzufahren. Zugegeben, für so viel spontanes „Nägel mit Köpfen machen“ bin ich nicht bekannt, aber mein Bauchgefühl kann irgendwas in mir aktivieren, dass mich antreibt. Bei Bedarf auch mal im Gallopp.
Ich fuhr also leicht ziellos wieder zurück Richtung Norden, als ich mir das erste mal ernsthaft Gedanken über Portugal machte.
Portugal? Zwar hatte ich mir vorab („nur sicherheitshalber“ – ist klar) Empfehlungen für Campingplätze und Orte eingeholt, aber so richtig sicher war es nicht in meine Reisepläne involviert.
Nach zwei Stunden zwischen Gedanken der ultimativen Freiheit (ich kann fahren, wohin ich will) und der Unsicherheit (ich weiß aber nicht, wohin), entschied ich mich final und bog bei Sevilla Richtung Portugal ab.
Camping bei Huelva: Zufallsbegegnung zwischen Disko und Dusche
Kurz vor Huelva fing es an zu dämmern, und da ich ungerne bei Lidl übernachten wollte, steuerte ich den nächstbesten Campingplatz an – eine reine Zufallswahl.
Das Schöne: Der Platz war voll mit spansichen Tourist:innen (ich mag die Sprache um mich herum). Das Unschöne: Spanische Touristen mögen Ibiza-Sounds, und zwar all night long 😀
So kam es zur meiner anfangs beschriebenen „ich-krieche-etwas-groggy-aus-dem-Van-Performance“.
Wenn ich erst abends ankomme und nur eine Nacht bleibe, denke ich manchmal, dass sich das nicht wirklich lohnt. Nicht nur beim Van-Life, sondern generell. Man kommt an, isst, schläft, duscht (vielleicht) und fährt weiter. So fühlt es sich zumindest an, denn man guckt nicht genau hin. Man nimmt die Atmosphäre oder Menschen nicht bewusst wahr. Dazu bleibt keine Zeit. So ist es auch an diesem Morgen …
… bis „Moin, du kommst auch aus Berlin!“ mir ein Berliner in Dusch-Outfit über den Weg läuft.
So sehr ich es mag, wenn Campingplätze möglichst international aufgestellt sind – in diesem doch leicht verunsicherten Moment meiner Reise auf einen vertrauten Akzent aus Deutschland zu treffen, wirkt wie Balsam auf meiner Seele.
Wir kommen ins Gespräch und ich erfahre, dass er zum ersten Mal ein ganzes Jahr im Wohnmobil gelebt hat. Er arbeitet als Software-Entwickler und ist remote angestellt. Doch er macht auch eine Ausbildung zum Fallschirmsprung-Lehrer. Deshalb ist er genau in dieser Ecke Spaniens.
Wir unterhalten uns bestimmt 30 Minuten spontan über das Leben im Van, übers Arbeiten von überall aus, die Höhen, die Tiefen, über meine Unsicherheiten (er steht immer noch im Dusch-Poncho und Aldi-Tüte da …). „Es gibt immer einen Weg, du machst schon alles richtig“, bestärkt er mich.
Wir verabschieden uns und ich düse hoch motiviert nach Portugal.
Vielleicht war es auch eine Einstellungsfrage, aber von da an läufts.
Zufallsbegegnungen mit Schubkraft
In Portugal werde ich noch viele solcher kleinen, aber einprägsamen Zufallsbegegnungen haben. Rückblickend hatte ich sie auch in Spanien schon. Mal auf dem Campingplatz, mal im Wasser beim Surfen, mal durch Zufall beim Einkaufen.
Und am Ende sind es auch diese kleinen, zufälligen Begegnungen, die mir zeigen, was möglich ist. Die mich antreiben, mich, gemeinesam mit meinem Bauchgefühl, in die richtige Richtung schieben. Menschen, die es vorleben. Deshalb ist keine Übernachtung Zeitverschwendung. Jede Etappe, jeder Richtungswechsel, und erscheinen sie noch so unnötig, sind wichtig dafür, (m)einen Weg zu finden.
Enjoy
Tina
Tina etwas Gutes tun
Du magst, was ich schreibe? Ich freue mich übers Teilen, über Kommentare, über nette Worte, oder auch über einen Kaffee … Liebe geht raus!
Mimizan-Plage, Freitagabend, 23:00 Uhr, ca. drei Grad Celsuis.
Mit einer Radkappe weniger, schmerzendem Gesäß und leerem Geldbeutel, aber einem neuen Surfboard im Gepäck, rolle ich auf den stockdunklen und von Sand verwehten Parkplatz „zuhause“ in Frankreich. Eben noch in Portugal, jetzt wieder hier.
Ich stelle den Motor ab. Der Wind heult. Krass. Was für eine Reise.
Ich bemerke, dass meine Scheinwerfer noch an sind und meinem Nachbarn unangenehm direkt ins Wohnzimmer leuchten, nach dem Motto „I am back!“. Die Rolläden des Nachbarn gehen runter. Ich mache das Van-Licht aus. Party vorbei.
Ich öffne die Tür und bin auf der Stelle erfroren. Der kalte Wind peitscht mir den letzten Rest Energie aus dem Körper, das schwarze Meer töst bedrohlich im Hintergrund.
Kulturbeutel, Brot, Schlafanzughose und den klammen Wetsuit – mehr hole ich nicht aus dem Auto. Nicht mehr heute „Nacht“.
Nach der Reise: Ankommen und runterkommen?
Ich schließe meine Wohnungstür auf und genieße es, in die eigenen ruhigen vier Wände zu kommen. Erstmal Heizung an. In drei Sekunden verwandelt sich die ordentlich hitnerlassene Wohnung (Schulterklopfer für mich) in eine Kleider-Taschen-Chaos-Hölle. Egal.
Nachdem ich mir mit letzter Kraft ein Butterbrot gemacht und die Zähne geputzt habe, fällt die Müdigkeit wie eine aus dem Nichts kommende Monsterwelle über mir zusammen. Leicht benommen schaffe ich es nicht mal mehr in meinen Schlafanzug – und falle in voller Montur ins Bett.
Als ich am nächsten Morgen checke, wo ich bin, geht der Funktionsmodus los: Van ausräumen, Wäsche waschen, sortieren, aufräumen, alles verstauen, Orga für die nächsten Tage, einkaufen. Ich gehe zum Meer und latsche durchs Dorf, um Hallo zu sagen. In den ersten zwei Tagen nehme ich mir keine einzige Minute zum Durchatmen …
… und dann holt sie mich doch ein: Die Stille nach einer Reise.
Der Moment, wenn man wieder in den eigenen vier Wänden sitzt, und denkt: Krass … und jetzt?
Den Schalter umlegen: Von Manuelle Reise-Steuertung auf Zuhause-Autopilot
Es ist schön, „nach Hause“ zu kommen, eine Art Zufluchtsort zu haben. Ein Ort, an dem die Heizung funktioniert, die Dusche warm ist und der Kaffee aus einer elektrischen Maschine serviert wird.
Gleichzeitig ist es für mich immer wieder auch eine herausfordernde Zeit. Ich muss eine neue Routine finden, vergessene Probleme und Unterlagen holen mich ein, ach ja, die Steuer, da war ja was. Vor allem aber ist es eine Zeit, in der mich Wellen der Verarbeitung einholen.
Auf Reisen erlebe und erfahre ich so vieles, bekomme so viele Antworten und gleichzeitig tun sich so viele neue Fragen auf, dass ich unterwegs keine Zeit habe, das alles zu verarbeiten.
Auf Reisen ist immer irgendwas los, muss irgendwas organisiert oder irgendein Surf-Forecast analysiert werden. So viele tolle Menschen, so viele neue Geschichten und Lebensentwürfe und hast du nicht gesehen. Und dann ist irgendwas mit dem Van, Werkstatt suchen, dies das.
Jetzt ist das Konto leer (was ganz Neues!), aber mein Kopf so voll und mein Herz so erfüllt. Das ist mein Reichtum, aber Reichtum muss auch gut verwaltet werden. Deshalb geht die „Arbeit“ nach einer Reise erst los: Was will ich mitnehmen? Worüber will ich mir nochmal näher Gedanken machen? Was war gut, was nicht, was kann besser sein? Wie habe ich mich wo gefühlt?
Das alles braucht Zeit und vor allem Energie. Gleichzeitig entsteht zuhause eine Art Loch, wenn der Reise-Abenteuer-Wahnsinn einem normalen Alltag weicht. Die Gedanken schweifen ab, ich starre in meinen Laptop, was mache ich hier eigentlich. Geld verdienen, ach ja. Okay.
Ich glaube es ist der Kontrast zwischen so intensiv im Moment leben, wie man es auf Reisen fast jeden Tag tut, und dann der Alltagsroutine, die keinesfalls schlecht ist, aber in der auch eher der Autopilot eingeschaltet wird. Dieses „Umschalten“ braucht Zeit und geht besser mit ein paar kleinen Tricks.
Après-Reise-Tief: Was hilft in dieser Zeit nach der Van-Reise?
Danke an … mich?!
Mir persönlich tun verschiedene Dinge gut. Ich versuche, mich möglichst oft in den Moment zurückzuholen und Dankbarkeit zu üben. Hört sich banal und nach Kalenderspruch an – hilft aber!
Jetzt bin ich zu Hause, das ist auch schön. Ich habe Zeit, mich um Liegengebliebenes zu kümmern, den Van sauber zu machen, Freundschaften wieder mehr zu pflegen, neue Ideen umzusetzen, mir die nächsten Ziele zu überlegen und (vor allem) mein neues Surfboard zu bewundern. Ich will versuchen, zufrieden zu sein mit dem, was ist. Denn das ist mehr als genug.
Dabei geht es aber nicht nur um die Dankbarkeit für das, was ich jetzt im Moment habe, sondern auch für das, was war: Dass auf der Reise alles gut gegangen ist, dass ich gesund geblieben bin, dass ich tolle Menschen getroffen und wunderschöne Orte und Surfspots entdecken durfte. Und ganz eventuell danke an mich selbst, dass ich so eine krasse Reise umgesetzt und mir nebenbei noch den Traum vom eigenen Surfboard erfüllt habe. NICE!
Sport und Bewegung: Runterkommen und Reise-Verarbeitung
Ich verarbeite gut, indem ich mich bewege. Ich gehe kilometerweit spazieren, mal mit Musik, mal ohne, mal am Strand, mal im Wald. Mal lasse ich meinen Gedanken freien lauf, mal versuche ich, mich auf das zu konzentrieren, was mich umgibt. Hilft!
Schreiben: Von Reise-Tagebüchern und neuen Surfboards
Aufschreiben hilft, das ist einfach so. Beim Schreiben gehe ich Situationen, Fragen oder Gefühle nochmal durch – und finde nicht immer die perfekte Antwort, aber manchmal viel mehr Klarheit dabei. Das hilft, weil sich das Thema dann „abgeschlossener“ anfühlt und in Kopf nicht mehr so große Wellen schlägt. Was mir aber auch hilft, ist, meine eigenen Reise-Tagebücher nochmal durchzulesen. Fast schon Vergessenes taucht auf, häufig sind es die kleinen Situationen, manchmal aber auch die ganz großen Momente. Das hilft, die Reise nochmal aufleben zu lassen und sich daran zu erfreuen (mein eigenes Board, yes!!).
Hands-on: Umsetzung neuer Ideen in kleinen Schritten
Reise-Tina: „Ich kündige meine Wohnung und lebe vollzeit im Van!“ Zuhause-Tina: „Ist klar. Mach evtl. erstmal deine Steuererklärung“.
Vielleicht kennst du es auch: Die vielen Ideen, die auf Reisen entwickelt werden, und dann doch irgendwo im Alltag untergehen. Was für eine Verschwendung! Für mich persönlich sind diese Ideen super wertvoll, denn auf Reisen wird (zumindest erstmal im Kopf) das möglich, was zuhause nicht mal im Traum machbar erscheint. Das liegt auch an Gesprächen mit Menschen, die diese Träume vielleicht schon umgesetzt haben und ich sehe, was überhaupt alles machbar ist.
Die Kunst ist es dann, diese Träume zuhause nochmal zu überprüfen, sie „realitätstauglich“ zu machen und (ganz wichtig), sie dann in kleine Häppchen zu zerlegen.
Und dann: Dranbleiben. Damit das irgendwie klappt, fange ich wirklich in ganz kleinen Schritten an. Eine Garantie ist das natürlich nicht, aber es steigert die Chancen, dass irgendwann wirklich Veränderung eintritt.
Coaching
In der intensiven Zeit nach einer Reise bietet sich auch ein Coaching total gut an. Es kann Gold wert sein, nochmal mit einer Person gezielt über aufeploppte Fragen zu sprechen. Coaches können vor allem auch dabei helfen, einen Fahrplan für Veränderungen auszuarbeiten und in die Umsetzung zu kommen.
Fazit: Das Après-Reise-Tief akzeptieren und nutzen
Es gibt bestimmt viele Möglichkeiten, sich in der Zeit nach einer Reise wieder zu motivieren. Erstmal ist es wichtig, sich Zeit zu nehmen, wieder im Alltag anzukommen. Anschließend funktioniert das mit der Dankbarkeit und dem Revue passieren lassen auf der einen, und der Umsetzung kleinerer Ideen auf der anderen Seite am besten für mich.
Enjoy
Tina
Hat da jemand Kaffee gesagt …?
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Sanft wecken mich die Strahlen der aufgehenden Sonne aus meinen angenehmen Träumen. Ich strecke mich, habe beste Laune und bin energiegeladen. Vögel zwitschern. Ich schaue durchs Fenster direkt aufs Meer. Das Wetter: top! Die Wellen: ein Träumchen! Deshalb springe ich sofort mit meinem Surfboard ins Wasser. Nach einer unglaublichen Session frühstücke ich, denn obwohl ich gestern Abend erst angekommen bin, ist mein Kühlschrank gut gefüllt. Dann mache ich in Ruhe die nächsten Reisepläne. Anschließend gehe ich in den ganz nah gelegenen Coworking-Space und arbeite ein wenig – dank des Highspeed-Internets läuft alles perfekt. Am Abend hüllt mich der Sonnenuntergang in eine leichtfüßige, friedliche Stimmung. Life’s good.
Dazu kann ich nur sagen: Träum weiter!
Es hört sich immer so traumhaft an: Reisen, neue Orte und perfekte Wellen entdecken und die Kohle dafür einfach von unterwegs aus verdienen. Quasi nebenbei. Und genau das ist es in meinen Augen: ein Traum. Etwas, das wir uns in unserer Vorstellung (oder ich in meiner) ausmalen oder was Instagram uns immer wieder erzählen will, das aber so nicht existiert.
Trotzdem habe ich das Gefühl, dass viele Menschen dieses Bild im Kopf haben, wenn ich von „Remote-Arbeit“ rede. Zugegeben, ein bisschen hatte ich diese Vorstellung anfangs auch – schade 😀
Die Liste der Gründe reicht von fehlender Routine, verschimmelten Airbnbs mit Vorschlaghammer-Sounds, Erschöpfung vom ständigen Organisieren bis hin zu stockendem oder komplett fehlendem WLAN. Das sind zwar die krassen Schattenseiten des Reisens, aber sie gehören eben teilweise dazu – und erschweren einen normalen Arbeitsalltag.
Für mich persönlich hat es sich deshalb bewährt, Reisen im engeren Sinne einfach vom Remote-Arbeiten zu trennen.
Letztes Jahr war ich mit dem Van in Spanien auf „Workation“. Was locker-flockig aussieht, war schön, aber auch schön anstrengend!
Reisen braucht Zeit
Beim Reisen ist es mein Ziel, in Orte, Landschaften oder Kulturen einzutauchen, Neues kennenzulernen und vielleicht auch ein Gefühl dafür zu bekommen, wie sich der Alltag anfühlt. Surfspots zu testen. Beziehungsweise deren Waschmaschinen. Und das braucht Zeit.
Immer unterwegs – auch im Kopf
Denn Reisen heißt auch, unterwegs zu sein. Vielleicht nicht permanent zu anderen Orten, aber ich habe gemerkt, dass ich im Kopf permanent damit beschäftigt bin, neue Eindrücke wahrzunehmen und mich an neue Rhythmen, Abläufe oder klimatische Bedingungen anzupassen. Deshalb braucht (mein) Reisen Zeit – zum Erleben, zum Organisieren, zum Verweilen, aber auch zum Verarbeiten.
„Manuelle Steuerung“ auf Reisen braucht Energie
In seinem Buch „Slow Travel“ stellt der Autor (keine bezahlte Werbung) unter anderem die Vermutung auf, dass unser Gehirn beim Reisen von Autopilot quasi auf „manuelle Bedienung“ umstellt, weil die normalen Routinen und Automatismen eben nicht funktionieren und wir uns an neuen Orten erstmal zurechtfinden müssen. Diese Beobachtung finde ich spannend und plausibel. Die manuelle Steuerung kostet neben Zeit auch einiges an Energie. Anfangs unterlag ich der Vorstellung, dass ich morgens an einem neuen Ort ankommen, surfen gehen und später dann noch etwas abarbeiten könnte. Und natürlich Natürlich lege ich unterwegs auch mal eine professionelle Foto-Session ein, tippe in einem Café einen Blogartikel oder erledige abends in der Unterkunft noch ein paar Dinge. Aber zwischen all den „Reise-Aufgaben“ einem Vollzeit-Job nachzugehen und sich voll darauf zu fokussieren, halte ich für nicht vollständig realisierbar.
Zumindest nicht, wenn man sich wirklich intensiv mit dem beschäftigen möchte, was oder wer einem auf der Reise begegnet.
Am Ende fühlte ich mich immer wieder unterbrochen oder abgelenkt vom Reisealltag und hatte oft das Gefühl, weder dem Arbeiten noch dem Reisen genug Aufmerksamkeit gewidmet zu haben.
Ortsunabhängiges Arbeiten
Etwas anders sieht es beim ortsunabhängigen Arbeiten aus. Wenn ich mir einen Ort aussuche, an dem ich länger bleibe (zum Beispiel einige Wochen oder Monate) und von dem aus ich nicht schon in der nächsten Woche weiterreisen muss, habe ich die nötige Zeit, mich sowohl auf den Ort einzulassen als auch mir eine Tagesstruktur aufzubauen. Deshalb nehme ich mir fürs Reisen meist frei oder arbeite nur sehr reduziert.
„Ortsunabhängig“ meint in meinem Fall vor allem, dass ich gerne unabhängig von einem Büro an einem bestimmten Ort bin. Nichtsdestotrotz steht mein Bürostuhl nicht am Strand – und das ist z.B. mit Blick auf ein ergonomisches Arbeitsumfeld auch gut so.
Das Schöne?
Suprise: Reisen und Remote-Work sind natürlich kombinierbar. Ich kann zuerst zwei Wochen herumreisen, um mich dann an einem Ort, an dem es mir besonders gut gefällt und wo ich alles habe, was ich brauche, längerfristig zum Arbeiten niederzulassen. Dass das gut tut, hat beispielsweise die AOK auch schon herausgefunden – im Artikel allerdings im Zusammenhang mit der „Workation“, die (oder besser gesagt dessen Bezeichnung) ich mittlerweile kritischer hinterfrage.
Für die, die es interessiert: Darauf achte ich beim ortsunabhängigen Arbeiten:
Ich suche einen Ort mit möglichst konstanten Wellen für mein Level aus. In meinem Fall bin ich auch meist auf der Suche nach einem Ort mit mildem Klima. Muss ich mich zwischen beidem entscheiden, hat die Frostbeule in mir Vorrang.
Ich achte darauf, dass es an dem Ort die Möglichkeit gibt, regelmäßig in einem büroähnlich ausgestatteten Bereich zu arbeiten. Dazu gehört natürlich auch eine gute Internetverbindung (z.B. Co-Working).
Ich versuche, mir eine Tagesstruktur aufzubauen, die flexibel genug ist, damit ich nach den Gezeiten surfen gehen kann (das ist NICHT immer realisierbar).
An Surftagen darf das Arbeitspensum kleiner sein, der Rest wird dafür an einem anderen Tag nachgeholt (auch das ist natürlich nicht immer machbar).
Sozialleben: Das kann neben arbeiten, surfen, schlafen und essen manchmal zu kurz kommen. Deshalb achte ich darauf, nicht alleine zu „versauern“.
Ausgleich: Wellenlose Tage nutze ich für Ruhe oder um anderen Hobbys nachzugehen. Sonst kann es eintönig werden.
Enjoy! Tina
Tina Gutes tun
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Das Flugzeug setzt in Bordeaux auf. Endlich. Sicher gelandet. Der Puls geht runter (hab Flugangst).
Die Bremsen heulen, danach das übliche Drama: Wer ist am wichtigsten und muss als erstes das Flugzeug verlassen? Alle natürlich. Ich bleibe sitzen, denn ich habe keinen Termin.
Als ich im Gang des Flugzeugs langsam Richtung Ausgang gehe, plumpst die Frau hinter mir bei jedem Mal, das ich auf dem Gang anhalten muss, von hinten gegen meinen Rucksack und tritt mir so oft in die Hacken, dass ich mich schließlich mit bösem Blick umdrehe. Eigentlich gar nicht mein Style, aber nach zwei Wochen Berliner U- und S-Bahn-Wahnsinn bin ich sensibilisiert. Was soll das?!
Warum es alle so eilig haben, das Flugzeug zu verlassen, kann auch die Stewardess nicht verstehen: Mit mitleidvollem Blick schaut sie auf die Daunenjacke, die ich wegen der 28°C, bei denen ich in Berlin ins Flugzeug stieg, über meinem Arm anstatt an mir trage:
„Ziehen Sie die mal lieber an“, empfiehlt sie in fast mütterlichem Ton. Und dann höre ich ein Prasseln …
Der Sprühregen und die 13°C schießen mir schon ins Gesicht, noch bevor ich das Flugzeug ganz verlassen habe. Welcome to Bordeaux, the South of France.
„Cool, mal wieder in die falsche Richtung geflogen“, denke ich mir. Vor zwei Wochen reiste ich aus dem sommerlichen Frankreich in die 5°C kalte Berliner Eis-Hölle, bevor sich das Blatt überraschend wendete und ich am ersten Mai in Top und kurzer Hose durch Berlin-Kreuzerg (hippes Viertel) tanzte. Und nun das.
Ein Hoch auf das ortsunabhängige Arbeiten – vorausgesetzt, man hat sich vorher eingehend mit dem Wetterbericht beschäftigt.
Auf der Zugfahrt vom Flughafen in meine aktuelle Wahl-Heimat (kleines Surfer-Dorf am Atlantik) denke ich über das ortsunabhängige Arbeiten nach. Vor allem überlege ich, wonach ich mein Zuhause auswähle, jetzt wo der Job es mir nicht vorschreibt.
Oft ist es ja so, dass man für einen Job oder ein Studium irgendwo hinzieht. So war es für lange Zeit auch bei mir.
Irgendwann habe ich das „Ich ziehe dahin wo der Job/die Uni ist“ infrage gestellt und den Spieß umgedreht: Ich überlegte mir zuerst, wo ich leben wollte und suchte mir danach einen Job vor Ort. Die Wahl fiel damals auf Berlin.
Ich bemerkte, dass viele das damals als „mutig“ oder „dumm“ hielten, ich sah das aber irgendwie nie so. Für mich fühlte es sich eher normal an. Ich nahm das finanzielle Risiko in Kauf – ich wollte einfach unbedingt wissen, ob es klappen kann.
Es funktionierte, und trotzdem fühlte ich mich nach einigen Monaten in Berlin wieder wie angekettet.
Es dauerte etwas, bis ich herausfand, dass es eher an den Rahmenbedingungen des Jobs lag, dass ich mich unwohl fühlte. Zeitlich und örtlich unabhängig arbeiten zu können, wurde durch diese Erkenntnis für mich zu einem sehr wichtigen Faktor.
So stand ich auf einmal vor einer ganz anderen Frage:
Wohin will ich denn überhaupt? Wo will ich zuhause sein, wie soll mein Alltag aussehen, wenn es mir vom Job her freisteht? Will ich in Berlin bleiben? Woran mache ich das fest? Welche Faktoren helfen mir dabei?
Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es mir auf einmal so schwerfallen würde, meine Komfortzone Berlin wieder zu verlassen, nun wo ich doch „frei“ war.
Und mit Corona hatte ich auch nicht gerechnet.
In der Zeit wurde mir bewusst, dass ich die Freiheit, ortsunabhängig arbeiten zu können, auch ganz schnell mal wieder verlieren kann. Das rüttelte mich wach.
Schon länger hatte ich den Wunsch, mein Leben nach Frankreich zu verlegen, in einen kleinen Ort am Meer. Ohne S- und U-Bahn, dafür mit Surfbrettern und Pläuschchen mit den Nachbar:innen. Einen krasseren Kontrast zu Berlin hätte ich eigentlich nicht wählen können.
Und doch musste es sein: Schließlich verließ ich Berlin für den kleinen Surfer-Ort in Frankeich. Ich wollte unbedingt sehen, ob es klappen kann. Wie es sich anfühlen würde. Ob der Alltag besser zu mir passen würde.
Das alles ist über ein halbes Jahr her. Als ich, nach einem zweiwöchigen Berlin-Besuch, wieder an meinen Wahlort in Frankreich fahre, fällt mir auf, dass mir der Wechsel gut getan hat. Ein schlechtes Zeichen? Ich glaube nicht – im Gegenteil.
Ich mag Berlin, und ich liebe dieses kleine Dorf in Frankreich. Ich fühle mich an beiden Orten zuhause. Beides inspiriert mich gleichermaßen und doch auf unterschiedliche Art und Weise. Beides ist nicht miteinander vergleichbar.
Ich kann an vielen Orten leben und arbeiten – eine Freiheit, die ich brauche, aber die mich auch manchmal überfordert. Wenn ich nicht weiß, wohin ich gehen soll, wenn ich meine Freund:innen vermisse oder wenn Dinge schiefgehen. Trotzdem überwiegt das Positive.
Und wenn dann an einem Ort das Zuhause-Gefühl entsteht, ist das was richtig Gutes. Manchmal braucht es etwas Zeit, bis das passiert.
Ich denke, das Zuhause-Gefühl ist (neben anderen Faktoren) ein guter Wegweiser dafür, wo ich länger bleiben möchte. Gleichzeitig will ich die Welt erkunden, um weitere Orte zu finden, die dieses Gefühl auslösen können. Denn ich bin überzeugt, es gibt viele davon. Für mich ist das Remote-Arbeiten trotz der Abstriche (auf beruflicher Ebene z.B. kein persönlicher Kontakt mit dem Team, nicht immer ein abgetrenntes Arbeitszimmer zur Verfügung etc.) nach wie vor der Rahmen der Wahl.
Als ich in meinem kleinen Apartment am Meer ankomme, öffne ich die Tür. Es fühlt sich gut an. Ganz normal. Ich sehe den Ozean, und bin dankbar für diesen Luxus.
Ich schaue mein Surfboard an, wie es zustimmend an der Wand lehnt. Welch ein Glück, im kleinen Surfer-Ort in Frankreich ist das Zuhause-Gefühl da 😊