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Seiltanz im Nebel der Ungewissheit

Deutschland, irgendwo auf’m Dorf.

Offiziell sind es 3 °C, gefühlt minus 10.

Ich gehe meine obligatorische „große Runde“ spazieren. Ich genieße es in vollen Zügen, denn noch vor Kurzem war diese Runde wegen einer Verletzung nicht möglich – zumindest nicht ohne Schmerzen.

Langes Spazierengehen ist für mich aber kein nötiges Mental-Health-Übel, ich laufe freiwillig. Am liebsten stundenlang.

Normalerweise bin ich allein, aber heute tapst etwas neben mir her: Ich habe den Australian Shepherd vom Hof mitgenommen. Wenn man schon keinen eigenen hat, sollte man regelmäßig einen Hund „entführen“. Auch die glücklichsten Hundebesitzer:innen freuen sich meiner Erfahrung nach über etwas Gassi-Unterstützung.

Beim Spazierengehen fällt es mir leicht, loszulassen. Irgendwann komme ich in einen meditativen Zustand, aber oft beobachte ich auch einfach, was um mich herum so passiert.

Heute ist die Atmosphäre fast mystisch: Als ich aus einem Waldabschnitt die Straße hinauf in Richtung offenes Feld laufe, ist es so neblig, dass die schneebedeckten Weiden ihre Dimension verlieren.

Ich sehe mich um und fühle mich wie von 360° Zuckerwatte umschlossen.

Der Weg vor mir endet irgendwo im Nichts. Ich kann nicht sehen, was mich hinter der nächsten Kurve erwartet (aber natürlich weiß ich es, weil ich den Weg kenne ;-)).

Das Gefühl erinnert mich ans Reisen. Ich organisiere und mache und tue, aber so ganz sicher weiß ich nicht, was passieren wird. Wo genau ich hingehe. Wie lange ich wo bleibe. Was sich auftut, wenn sich der Nebel verzieht. Oder die Zuckerwatte – je nach Gusto.

Sich darauf einzulassen, fällt mir mal mehr, mal weniger schwer. Manchmal kostet mich das Loslassen, das Ins-Ungewisse-Gehen, viel Energie.

Manchmal fällt es mir schwer, mich anzupassen, flexibel auf unvorhergesehene Situationen zu reagieren, neue Wege zu erkunden.

Mich darauf einzulassen, dass ich heute nicht weiß, was genau morgen bringt. Immer wieder Lösungen zu finden.

Und dann ist das alles wieder ganz leicht, und ich bekomme fast Sehnsucht nach dem Ungewissen und der Herausforderung. Nicht umsonst empfiehlt Materia, Nebel mal rückwärts zu lesen.

Die Kunst? Balancieren, schätze ich. Auf der feinen Linie zwischen Sicherheit und Ungewissheit mache ich schon länger einen Seiltanz, wobei meine Arme mal mehr, mal weniger „rudern“, um das Gleichgewicht zu halten. Kurz bin ich in Deutschland abgesprungen, um Pause zu machen.

Das alles geht mir durch den Kopf, als ich vor mich hin trotte, während der Weg sich mit jedem Schritt ein Stückchen mehr eröffnet. Das Interessante: Ich mag die neue, ungewohnte Perspektive.

Denn durch die begrenzte Sicht fällt es mir auch leichter, mich auf das Wesentliche um mich herum zu konzentrieren: den Weg (und den Hund, hauptsächlich). Das andere kann ich ja eh nicht sehen.

Weniger Informationen können zwar Ungewissheit, aber für den Moment auch Erleichterung bringen: Ich habe nur einen Weg, den ich gehen kann, und nicht viel, das mich ablenkt.

Am nächsten Tag ist der Nebel weg, und ich sehe wieder „klar“, kann alles überblicken. Das ist schön, es lädt dazu ein, möglichst viel aufzunehmen, sich umzuschauen und die Weite zu genießen. Ich weiß nicht, ob ich das ohne den Nebel am Vortag auch so wahrgenommen hätte.

Vielleicht nehme ich das für meinen Seiltanz mit: Wenn ich mich darauf einlasse, dass ich nicht alles kontrollieren kann, brauche ich meine Entscheidungen auch nur auf das zu fokussieren, was ich weiß und sehe.

Wenn sich auf Reisen der Nebel verzieht und ich wieder „alles“ etwas besser überblicken kann, habe ich vermeintlich mehr Kontrolle – aber auch mehr Optionen.

Das war deep!

Jetzt erst mal durchatmen und Kaffee trinken. Wird wohl Zeit, dass ich wieder über Wellen philosophieren kann 😉

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