Blog

On the road zur Intuition

Es ist ein Samstag und schon Mittagszeit, als ich mit meinem Van irgendwo im portugiesischen Inland auf Höhe der Küstenstadt Figuera da Foz rumgurke.

Nervlich bin ich irgendwo zwischen nervöser Unruhe und Erschöpfung, denn ich sitze seit Stunden im Auto. Ein Sturm zieht auf und ich will einfach irgendwo ankommen – was manchmal gar nicht so einfach ist (auch generell im Leben).

Nachdem ich bereits zwei große, aber für meinen Geschmack auch zu verlassene Campingplätze hinter mir gelassen habe, entdecke ich einen in meiner App, der vom ersten Eindruck her das beste Bauchgefühl auslöst. Meine Intuition sagt: Fahr hin.

Und dann meldet sich die Logik und verscheucht (wie so oft) das Bauchgefühl: Denn laut App wird dort ein Mindestaufenthalt von drei Nächten gefordert und außerdem liegt der Platz nicht direkt an der Küste. Ich will nur eine Nacht bleiben und am liebsten am Meer sein (was bei einem aufkommenden Sturm wirklich gar keinen Sinn ergibt, aber gut). Also weiter, gegen das Bauchgefühl.

Echtzeit-Problem

Schließlich steuere ich meine einzige Alternative an: Ein verhältnismäßig teurer Platz mit gemischten Bewertungen – dafür aber direkt am Atlanktik.

Bereits auf dem Weg dahin kommen mir erste Zweifel: Neben einem Industriehafen gelegen, vermittelt die Gegend nicht unbedingt das Gefühl von Sicherheit und angenehmen Beach-Life, vor allem nicht mit einer Sturm-Warnung im Rücken.

Ich checke trotz des unguten Gefühls ein und bereue meine Entscheidung quasi sofort: Mit jeder Scheibenwischerbewegung offenbart sich ein exponierter Beton-Platz durch die verregnete Windschutzscheibe, und meine Befürchtungen werden mit jedem gefahrenen Meter quasi in Echtzeit zum Problem.

Ungläubig schleiche ich über den grauen, trostlosen Platz, auf dem bestimmt 80 % der Parzellen leer stehen. Es gibt keine Bäume, keinen Windschutz, nichts. Ich parke erstmal irgendwo und kämpfe mich durch Wind und Regen zum Kofferraum (dramatische Beschreibung für maximal drei Meter Fußweg, ich weiß). Dabei weht mir zusätzlich der Geruch von Abwasser in die Nase …

Zurück im Auto sitze ich wie versteinert da. Ich bin so in meiner „Was zur …-Trance“, dass ich fast erschrecke als mein Telefon klingelt: Der Besitzer von einem der anderen Campingplätze schreibt. Es gäbe eine Sturmwarnung, ich solle vorsichtig sein. Guter Mensch.

Die Suchmaschine hat sich zusätzlich etwas ganz Spektakuläres einfallen lassen: Ein bedrohlich wirkendes Wirbel-Zeichen, dass auch gut das Blatt einer Kettensäge darstellen könnte, strahlt mich in leuchtendem Rot an. Darunter steht: „Tropischer Sturm über dem atlantischen Ozean“.

Ja, geil – genauso hatte ich mir das vorgestellt. Von wegen, der Traum der ewigen Vanlife-Freiheit. Am Arsch. Ich will nach Hause, und zwar bitte recht zügig.

Während andere zuhause den Samstagnachmittag genießen, vielleicht einen Kaffee trinken und etwas mit Freund:innen unternehmen, sitze ich mit meinem mein Lidl-Brötchen bei Sprühregen irgendwo in Portugal auf einem trostlosen Camping-Platz, mutterseelenallein.

Dazu lese ich später ich in „Der alte Patagonien-Express“ von Paul Theroux eine Stelle, die meine Gedanken in diesem Moment exakt beschreibt:

An solchen Tagen frage ich mich, warum ich das alles auf mich nehme und Ordnung und Freunde gegen Unordnung und Fremde eintausche. Ich habe Heimweh und fühle mich für meine selbstsichere Reise gestraft. […] Worin bestand eigentlich der Sinn dieser Reise, abgesehen davon, dass ich zu unruhig gewesen war, an meinem Schreibtisch sitzen zu bleiben und noch einen Winter zu ertragen?

Ja, warum?

Mir fällt auf, dass diese Frage ausschließlich dann aufkommt, wenn etwas nicht so läuft wie geplant (was auf dieser Reise ca. alle zwei Tage der Fall ist).

In diesem Moment finde ich keine Antwort – aber ich weiß, dass der von Theroux erwähnte Grund, den deutschen Winter (noch) nicht ertragen zu müssen, ein ziemlich guter, und für den Moment auch völlig ausreichend ist.

Die Intuition weiß es (besser)

Glücklicherweise erinnere ich mich recht schnell daran, was zu tun ist, wenn man das Gefühl hat, die Situation wird nicht mehr tragbar: Man folgt seiner Intuition und ändert, was möglich ist.

Also folge ich meinem anfänglichen Bauchgefühl und fahre den anderen Campingplatz an – gerne bereit, die angegebenen drei Nächte Mindestaufenthalt in Kauf zu nehmen.

Und dann, keine 20 Minuten später, geht vor mir die Büchse – bzw. wohl eher das Tor zur Pandora auf: Ein wunderschön grüner Campingplatz empfängt mich mit riesen Stellplätzen, netten Leuten und sogar einem Raum zum Arbeiten! Statt Industriegebiet riecht es nach Blumen und Geborgenheit.

Der Sturm bleibt nicht aus, fällt aber – geschützt von diversen Büschen – milder aus, als gedacht. Ich habe keine Angst. Am nächsten Morgen scheint die Sonne – und macht den Platz nochmal schöner und grüner.

Diese Geschichte zeigt: Selbst ich kann noch Heimweh bekommen 😉 Meine Intuition und innere Stimme haben sich nicht nur ein Mal als sehr wertvolle Hilfsmittel dafür entpuppt, dass ich mich wohl und sicher fühle. Sie wahrzunehmen ist das Eine – dann aber auch auf sie zu hören und vor allem ihr zu folgen ist trotzdem nicht immer die leichteste Übung.

Ich bin sehr dankbar, dass ich mich in dieser Situation auf mich selbst verlassen konnte. Solche Momente zeigen mir, was ich wirklich brauche.

Kleiner Fun Fact zum Ende: Der Mindestaufenthalt von drei Nächten (der mich ursprünglich auch von der Buchung abgehalten hatte) galt in der Nebensaison gar nicht – und ich blieb schließlich sogar freiwillig vier Nächte 😀

Enjoy
Tina

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert